Samstag, 10. November 2012

Nachfolge 1, 12


Zwölftes Kapitel


Vom Nutzen der Trübsal


  1. Es ist gut für uns, wenn wir zuweilen einige Trübsale und Widerwärtigkeiten haben; denn sie bringen den Menschen zu sich selbst zurück und lassen ihn erkennen, dass er hinieden in der Verbannung lebe und seine Hoffnung auf nichts in der Welt setzen dürfe. Gut ist es, dass wir bisweilen Widerspruch erfahren, und dass man Böses und Arges von uns denkt, obgleich unsere Handlungen und Absichten gut sind; denn das befördert oft die Demut und sichert uns gegen eitle Ehrsucht. Gerade da nämlich, wo wir äußerlich von den Menschen gering geachtet werden, und man uns nichts Gutes zutraut, suchen wir eher das innere Zeugnis Gottes.
  2. Darum sollte sich der Mensch dermaßen in Gott befestigen, dass er nicht notwendig hätte, viel Trost bei den Menschen  zu suchen. Wenn ein Mensch, dessen Wille gut ist, geängstigt oder versucht oder von bösen Gedanken geplagt wird, dann sieht er eher ein, wie notwendig ihm Gott ist, und begreift, dass er ohne ihn nichts Gutes vermag. Dann wird er auch traurig, er seufzt und betet wegen des Elendes, das er zu dulden hat. Dann ekelt es ihm, länger zu leben; er wünscht sich den Tod herbei, um aufgelöst zu werden und bei Christo zu sein. Dann erfährt er auch wohl, dass vollkommene Sicherheit und völliger Friede in der Welt nicht bestehen können.

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