Samstag, 24. November 2012

Nachfolge 1, 14


Vierzehntes Kapitel


Von Vermeidung freventlicher Urteile


  1. Richte deinen Blick auf dich selbst und hüte dich,  über das zu urteilen, was andere tun. In der Beurteilung anderer bemüht sich der Mensch vergebens, er irrt dabei gar oft und sündigt leicht; wenn er aber sich selbst richtet und erforscht, so tut er stets etwas Nützliches. Nach der Art, wie uns etwas am Herzen liegt, urteilen wir gewöhnlich darüber; denn das richtige Urteil verlieren wir leicht wegen unserer Eigenliebe. Wäre die lautere Absicht unseres Herzens allezeit auf Gott gerichtet, dann würden wir nicht so leicht beunruhigt, wenn unsere Meinung auf Widerstand stößt.
  2. Aber oft liegt etwas in uns verborgen, oder es kommt auch etwas von außen hinzu, das uns ebenso mit sich fortreißt. Viele suchen in ihren Handlungen heimlich sich selbst, ohne dass sie es wissen. Sie scheinen auch in tiefem Frieden zu leben, solange alles nach ihrem Sinn und Willen geht; geht es aber anders, als sie wünschen, so werden sie gleich unruhig und traurig, Wegen Verschiedenheit der Gesinnungen und Meinungen entstehen oft genug Uneinigkeiten zwischen Freunden und Bürgern, zwischen Ordenspersonen und Frommen.
  3. Von einer alten Gewohnheit lässt man schwer, und niemand wird gerne weiter geführt, als er mit seinen eigenen Augen sieht. Wenn du dich mehr auf deine Vernunft oder deinen Fleiß als auf die Jesus Christi unterwürfige Tugend stützest, so wirst du selten und spät ein erleuchteter Mensch werden; denn Gott will, dass wir uns ihm vollkommen unterwerfen und uns durch entflammte Liebe über alle Vernunft erheben.

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