Samstag, 17. November 2012

Nachfolge 1, 13


Dreizehntes Kapitel


Vom Widerstande gegen die Versuchungen


  1. Solange wir in der Welt leben, können wir nicht ohne Trübsal und Versuchung sein. Darum heißt es auch bei Job (7, 1): „Ein Streit ist des Menschen Leben auf Erden.“ Jeder darf daher in Betreff seiner Versuchungen auf der Hut sein und in häufigem Gebete wachen, damit nicht der Teufel Raum gewinne, ihn zu hintergehen; denn dieser schläft nie, sondern „geht umher und sucht, wen er verschlinge“ (1 Petr 5, 8). Niemand ist so vollkommen und heilig, dass er nicht zuweilen Anfechtungen hätte, und ganz können wir von ihnen nicht frei sein.
  2. Doch sind die Anfechtungen dem Menschen oft sehr nützlich, wenn sie ihm gleich lästig und beschwerlich fallen, weil sie ihn demütigen, reinigen und belehren. Alle Heiligen sind durch viele Versuchungen und Trübsale hindurchgegangen, und das hat sie vollkommener gemacht. Wer aber die Anfechtungen nicht bestehen möchte, ist vom Guten abgefallen und verworfen worden. Kein Stand ist so heilig und kein Ort so abgelegen, wo sich nicht Versuchungen und Widerwärtigkeiten finden.
  3. Solange der Mensch lebt, ist er vor Versuchungen nicht ganz sicher; denn in uns selbst tragen wir den Grund zur Versuchung, da wir in der Begierlichkeit geboren worden sind. Weicht eine Versuchung oder Trübsal, so steht schon wieder eine andere bevor; immer werden wir etwas zu leiden haben, da das Gut unserer Glückseligkeit verloren gegangen ist. Viele suchen den Anfechtungen zu entfliehen und fallen nur um so tiefer in sie hinein. Durch die Flucht  allein können wir nicht siegen; wohl aber werden wir durch Geduld und wahre Demut stärker als alle unsere Feinde.
  4. Wer nur äußerlich ausweicht und nicht die Wurzel ausreißt, wird wenig ausrichten; ja die Versuchungen werden nur um so schneller widerkehren, und er wird um so Schlimmeres erfahren. Nach und nach und durch Geduld und Langmut wirst du mit Gottes Hilfe leichter obsiegen, als mit Hartnäckigkeit und eigenem Ungestüm. Nimm in der Versuchung gern einen guten Rat an und sei nicht hart mit einem Versuchten, sondern sprich ihm Trost ein, wie du selbst in gleichem falle dir wünschen würdest.
  5. Der Anfang aller bösen Versuchungen ist die Unbeständigkeit des Gemütes und das geringe Vertrauen auf Gott. Denn wie ein Schiff ohne Steuerruder von den Wellen hin und her getrieben wird, so wird auch ein nachlässiger Mensch, der seinem Vorsatze untreu ist, von verschiedenen Versuchungen angefochten. Im  Feuer wird das Eisen und in der Versuchung der Gerechte erprobt. Oft wissen wir nicht, was wir vermögen; die Versuchung aber deckt auf, was wir sind. Wachen müssen wir aber vorzüglich am Anfange der Versuchung; denn dann überwindet man den Feind viel leichter, wenn man ihn durchaus nicht durch die Pforte des Herzens eindringen lässt, sondern ihm außerhalb der Schwelle, sobald er anklopft, entgegentritt. Daher sagte jemand:

Wehre im Anfang; zu spät wird das Mittel bereitet,

Hat durch Zögerung schon Stärke das Übel erlangt.

Denn zuerst drängt sich dem Geiste ein bloßer Gedanke auf, dann eine lebhafte Vorstellung, hernach Lust und sündhafte Erregung und – die Einwilligung. Und so schleicht sich der böse Feind allmählich ganz ein, wenn man ihm nicht im Anfange widersteht. Je länger jemand mit dem Widerstande säumt, desto schwächer wird er von Tag zu Tag in seinem Innern, der Feind aber um so mächtiger gegen ihn.

  1. Die einen haben am Anfange, die anderen am Ende ihrer Bekehrung schwerere Versuchungen zu bestehen. Wieder andere haben es fast das ganze Leben hindurch sehr hart. Einige haben, nach der Weisheit und Güte der göttlichen Fügung, ziemlich leichte Versuchungen; denn Gott wägt den Stand und die Verdienste der Menschen ab und ordnet im voraus alles zum Heil seiner Auserwählten.
  2. Darum dürfen wir nicht verzweifeln, wenn wir versucht werden, sondern müssen Gott um so inbrünstiger anflehen, dass er in aller Trübsal uns gnädig zu Hilfe komme, er, der nach dem Ausspruche des Hl. Paulus einen solchen Ausweg für die Versuchung treffen wird, dass wir sie aushalten können (1 Kor 10, 13). Demütigen wir also unsere Seelen in jeder Versuchung und Trübsal unter die Hand Gottes; denn die im Geiste Demütigen wird er retten und erhöhen.
  3. In Versuchungen und Trübsalen wird der Mensch geprüft, wieviel er im Guten zugenommen habe, sein Verdienst vergrößert sich und seine Tugend wird viel mehr offenbar. Es ist nichts Großes, wenn der Mensch da andächtig und eifrig ist, wo er keine Beschwerde empfindet; wenn er sich aber zur Zeit der Widerwärtigkeit geduldig hält, dann lässt sich auf großen Fortgang im Guten hoffen. Einige werden vor großen Versuchungen bewahrt, von täglichen kleinen jedoch oft überwunden, damit sie, gedemütigt, in großen nie zuviel auf sich vertrauen, da sie in so geringen als schwach sich erwiesen haben.

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