Die beiden kaufen immer um die selbe Uhrzeit ein, im selben Laden. Sie wissen nichts von einander. Bis eines Tages eine gemeinsame Bekannte sie einander vorstellt.
Der Akzent der Älteren ist der Jüngeren gleich sympathisch, gibt ihr so etwas wie ein "Heimatgefühl". Und irgendwann stellen sie fest, dass sie gar nicht so weit auseinander wohnen. Zwei Straßenzüge, 5 Minuten Fußweg ... Aber beim Einkaufen sehen sie sich entweder oder auch nicht, wie es sich ergibt ... bis eines Tages der Einkauf für beide etwas größer ausfällt. Die Jüngere ist der Älteren zeitlich um etliches "voraus", dennoch sehen sie einander.
Da die Jüngere wie immer bei halbwegs akzeptablem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs ist bietet sie der Älteren an, ihr die Einkäufe heimzubringen. Sie wartet nach ihrem Einkauf draußen, platziert die Einkäufe der Älteren dann auf dem Rad. Nun ist ein Fahren unmöglich. Aber das war der Jüngeren schon klar gewesen. Sie schiebt also neben der Älteren her, in deren langsamem Tempo.
An deren Haus angekommen stellt die Jüngere fest, dass die Ältere ihre Einkäufe eineinhalb Stockwerke hochtragen muss ... Gesehen, hochgetragen ... gegen den Protest der Älteren - die natürlich dennoch dankbar für die spontane Hilfe ist.
Auch in der folgenden Woche wartet die Jüngere nach dem Einkaufen auf die Ältere. Auf dem Heimweg fällt dann ganz spontan das "Du" - und bleibt. Noch ab und zu fällt ein "Sie" ... Telefonnummern werden getauscht.
Nachdem die Jüngere der Älteren die Einkäufe hochgetragen hat (die Ältere bleibt beim Rad, um auf die Sachen der Jüngeren zu achten) und die Treppe wieder herunter kommt, stolpert sie und "verknackst" sich den Fuß. Den Rest des Weges zum Fahrrad humpelt sie ... die beiden verabschieden sich ... doch die Jüngere hatte gut reagiert, der Schaden am Fuß war doch nicht sehr groß, nach ein paar "Runden" mit den Pedalen kann sie den Fuß wieder fast normal verwenden ...
Am nächsten Tag ruft die Ältere die Jüngere an und fragt, wie es ihr mit dem Fuß geht ... sie möchte noch eine Kleinigkeit einkaufen und würde ihr etwas mitbringen, wenn sie etwas braucht ... (Vergelt's Gott!), nein, die Jüngere hat am Vortag alles bekommen.
Wieder eine Woche später ... Das Wetter ist "zweifelhaft" und die Jüngere entscheidet sich, einkaufen zu gehen und das Fahrrad für heute gegen einen Schirm zu tauschen.
Spontan wählt sie die Nummer der Älteren ... und diese freut sich offensichtlich über das Angebot, gemeinsam zum Einkaufen zu gehen.
Unterwegs erzählt die Ältere der Jüngeren, dass sie gerade bei ihrem Anruf am Tisch gesessen habe und mal wieder geweint ... die Vertreibung, meint sie (,auch wenn sie nun schon Jahrzehnte her ist), habe doch Spuren in der Psyche hinterlassen. Und ihr Freund, wohnhaft 15 km weiter, den sie immer beim Landsmannschaftstreffen (auf weia - nennt man das so?) getroffen hat, ist nun auch gestorben, vor einem Vierteljahr. Ihr Mann ist längst tot, die Kinder und Enkel groß ... Sie ist nun ganz alleine ...
Spontan, wie die Jüngere nun mal ist - au weia! - sagt sie zu der Älteren: "Du blöde Kuh, warum hast du mich nicht einfach angerufen, anstatt dich hinzusetzen und zu weinen?"
Da ist die Ältere so dankbar, dass sie die Jüngere - obwohl sie sich auf offener Straße befinden - kurz und heftig umarmt.
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