37. Wie Jesus starb
Unter allen Geheimnissen des bittern Leidens Christi ist keines so schrecklich, als der bitterste und grausamste Tod Jesu. Denn dieser war so wider die Natur, dass Himmel und Erde samt allen Elementen, welche bisher unempfindlich geblieben, nunmehr gleichsam Empfindung bekamen, und aus allen Kräften bewegt und entsetzt wurden.
Christus hatte zwar am Ölberge sich vor all seiner Marter gefürchtet; allein vor keiner so heftig, wie vor seinem Tode. Denn in demselben stand er so unnatürliche Qualen aus, dergleichen sich keine menschliche Vernunft vorstellen kann. In den andern Peinen litt nämlich immer nur ein Teil seines Lebens; in seinem Tode aber haben Leib und Seele zugleich samt allen Kräften und Sinnen gelitten, besonders das edelste Herz, welches damals die höchsten Qualen erduldete. Damit du dieses desto besser verstehest, wollen wir eins nach dem andern erklären.
Erstens litt im Tode Jesu seine edle Seele wegen des Scheidens von ihrem Leibe. Man sagt, es sei kein größeres Leid auf Erden, als wenn zwei Herzen, die sich wahrhaft lieben, scheiden müssen. Nun sind aber keine treueren Freunde, als Leib und Seele, welche unzertrennlich verbunden sind. Es hatte niemals eine Seele ihren Leib so sehr geliebt, und es war niemals ein Leib seiner Seele so untertänig gewesen, als eben der Leib und die Seele Christi. Denn weil sein Leib der edelste, schönste und gesundeste war, den Gott und die Natur hervorgebracht hatten, darum liebte die Seele diesen vollkommenen Leib über alle Maßen, und wollte sich non ihm nicht trennen. Und weil die Seele Jesu mit allen Gnaden, Tugenden und übernatürlichen Gaben aufs Vollkommenste geziert war, wie wehe musste es dem Leibe tun, dieses kostbaren Schatzes beraubt zu werden!
Du erkennest dieses, o Christ, und dennoch achtest du deine Seele so gering, und übergibst sie leichtsinnig um einer Todsünde willen dem Teufel.
Zweitens litt die Vernunft Jesu im Tode solche Bitterkeit, welche mit keiner andern auf dieser Erde zu vergleichen ist. Seine Vernunft liebte und schätzte das Leben mehr, als alle Menschen, weil sie wusste, dass ihr Leben besser sei, als das aller übrigen Geschöpfe, und dass sie in einem einzigen Augenblicke mehr Verdienste habe, als alle Menschen sich in ihrem ganzen Leben erwerben können. Daher stelle dir vor, dein sterbender Erlöser spräche zu dir: „Mein Kind! Beherzige, wie bitter es meiner Vernunft vorkam, von Allem, was sie billig erfreute, so bald scheiden zu müssen. Ich war nur drei und dreißig Jahre alt, und hätte natürlicher Weise ein hohes Alter erreichen können. Was war aber die Ursache, dass ich in voller Jugendkraft sterben musste? Nichts Anderes, als deine Sünden! Du hattest zwar damals noch keine Sünden begangen; doch standen sie schon vor den Augen meines Vaters, wie jetzt nach der Tat. Damit ich nun diese Sünden abbüßte, und zwar um so schmerzlicher abbüßte, musste ich zur Zeit sterben, wo ich am liebsten länger gelebt hätte. – Du bist also die Ursache an meinem Tode, und trägst die Schuld, dass so viel Gutes, was ich noch hätte tun können, unterblieb. Meine Mutter, meine Jünger und Freunde, alle Kranken, die ich heilen, alle Betrübten, die ich trösten, alle Sünder, die ich hätte bekehren können, werden am jüngsten Tage über dich klagen; ja die ganze Welt wird Wehe über dich rufen, dass du am Tode des Herrn der Welten Schuld trägst!“
O schreckliche Worte, o unbegreifliche Bosheit meiner Sünden! So bin denn ich Ursache, dass mein Jesus so bald sterben musste, und so viel Gutes auf Erden unterblieb! O ihr Freunde und Jünger Christi, verklaget mich nicht; denn es ist mir herzlich leid, dass ich euch Jesum geraubt und euch so sehr beleidigt habe!
Drittens litt die Phantasie oder Einbildungskraft samt allen innerlichen Kräften der Seele im Tode Jesu solches Entsetzen, dass es kaum zu denken ist. Man sieht bisweilen bei Sterbenden, wie schrecklich sie sich gebärden, wenn die Todesangst sie überfällt. Was ist aber all diese Todesangst Christi, welche viel größer war, als die aller Menschen zusammen?
Viertens litt sein Leib in allen Gliedern so unerhörte Schmerzen, dass keine Zunge im Stande ist, selbe zu beschreiben. „Als der Tod meines Sohnes herannahte,“ sagte die Mutter Gottes der Hl. Brigitta in einer Offenbarung, „war in seinem ganzen Leibe solcher Schmerz, dass alle Glieder erbebten. Sein Haupt hob sich etwas in die Höhe, sank jedoch sogleich wieder zurück, und durch seinen geöffneten Mund sah man die Zunge blutig. Seine Hände zogen sich von dem Orte der Annagelung zurück, und die Fuße mussten die ganze Last des Körpers tragen. Seine bisher gekrümmten Finger streckten sich aus, und sein Rücken zog sich hart wider den Stamm des Kreuzes. Seine Augen, welche bisher geschlossen waren, taten sich bis zur Hälfte auf, und seine Arme, die bisher ein wenig gebogen waren, streckten sich ganz aus. Seine Knie, die bisher ausgestreckt hingen, beugten sich auf eine Seite, und seine Füße wendeten sich auf den Nägeln, gleich wie an Türangeln auf die andere Seite.“
O Gott! Wer hat wohl Ähnliches gehört und gesehen, dass der Tod einen Menschen auf dem Sterbebette so gestreckt habe, wie Jesum am Kreuze!
Endlich hat der arme Jesus an seinem süßen Herzen die größte Marter ausgestanden. Denn sein Herz war kräftig und gesund, und das edelste, vollkommenste Herz, das aus Gottes schaffender Hand hervorgegangen war; daher konnte es sich auch mehr gegen den Tod wehren als andere menschliche Herzen. Auch musste es mehr leiden, als die übrigen Glieder, und alle Sinne des Leibes und Kräfte der Seele, denn das Herz empfand alle Streiche und Wunden mehr, als der Leib, und zugleich fühlte es alle Ängste und Traurigkeiten der Seele mit. Dieses währte die ganze Leidenszeit hindurch, vornehmlich aber am Kreuze, wo es so viele Qualen erduldete, dass Jemand leichter die Wassertropfen des Meeres, als diese Schmerzen zählen könnte.
Unter den vielfältigen Stößen, welche das Herz Jesu trafen, waren drei so gewaltig, dass Himmel, Erde und Hölle zugleich mit dem Herzen erzitterten. Der erste Stoß war um drei Uhr Nachmittags, da die Schmerzen aller Wunden zugleich gewaltsam auf das Herz stießen, so dass der arme Jesus vor unerträglicher Pein mit lauter Stimme schrie, dass der Himmel davon erzitterte. Dieser Schall ertönte so gewaltsam im Himmel, dass, nach dem Ausspruch der Offenbarung der Hl. Brigitta, „Gott Vater, wiewohl er leidensunfähig ist, so wie auch die Hl. Engel, welche ebenfalls nicht leiden können, hievon gleichsam bewegt wurden.“
Der andere Stoß geschah eine kleine Weile vor dem Tode, da die vereinten Schmerzen mit heftigster Wut dem edelsten Herzen wieder einen so schrecklichen Stich versetzten, dass es beinahe zersprungen wäre. Dieser Stoß war so unmenschlich, dass der liebe Jesus wiederum laut aufschreien musste, wie der Hl. Lukas bezeugt: Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: „Vater, ein deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Dieser Schrei war so gewaltig, dass die ganze Erde zitterte; wie der Hl. Matthäus schreibt: „Siehe, die Erde bebte und die Felsen spalteten sich.“
Der dritte und letzte Stoß endlich geschah im letzten Augenblicke des Lebens Christi, in welchem der Tod die Schmerzen so häufte, dass das edelste Herz der Übermacht derselben erliegen musste und brach. In diesem Augenblicke stieß Jesus einen so heftigen Schrei aus, dass die Hölle davon erzitterte. Im nämlichen Momente fuhr der Herr auch in die Vorhölle hinab, und vor seiner Gegenwart erzitterten alle Mächte der Hölle.
Endlich kommen wir an den schrecklichen Tod Jesu, vor welchem alle Kreaturen, so oft davon geredet wird, wie einst am Karfreitage erzittern sollten. Insbesondere aber sollten sich die menschlichen Herzen entsetzen, wenn sie von diesem Tode predigen hören oder lesen. Denn was ist schrecklicher, als dass der Heiland der Welt, der König des Himmels und der Erde, der eingeborne Sohn des ewigen Vaters, ja Gott selbst so unschuldig und grausam getötet wird! Dieses ist ein so unerhörtes Wunder, dass es keine Zunge aussprechen, keine Feder beschreiben, kein Verstand begreifen kann. Wir können Gott in alle Ewigkeit nicht genug hierfür danken, viel weniger auf dieser Welt würdig dienen.
Gebet
O Jesu! Meine einzige Liebe, mein kostbarster Schatz, so hast du denn dein edles Leben lassen müssen? Nun ist alle meine Freude und mein Trost dahin! Du stirbst nicht auf einem Bette, in einem Hause, sondern an dem harten Kreuzesholze unter dem freien Himmel! Du hast keinen Strohhalm, darauf zu liegen, kein Stücklein Leinwand, dich zu bedecken. Dein Hauptkissen ist die dörnerne Krone, dein Bett das Kreuz. Deine Labung ist Galle und Essig, dein letzter Trost das Gespötte der Juden. Du hast keine Bedienung, sondern nur die Gesellschaft zweier Mörder. Du liegst nicht in sanfter Ruhe, sondern hängst an vier Nägeln ausgespannt und vermagst dich nicht einmal umzuwenden, und keine Hand, ja nicht einmal ein Finger ist dir frei, um dir den Schweiß und das Blut abzuwischen. So fehlt dir aller Trost und alle Hilfe, und du bist gänzlich von Gott und den Menschen verlassen. Du streitest einen so bittern Todeskampf, dass dir vor Schrecken Leib und Seele erzittern und dein Herz den Qualen unterliegen muss. O Jesus! Wie dauerst du mich, und wie ist mein Herz vor Mitleid krank, dass du, der Sohn des himmlischen Vaters, so erbärmlich sterben musst und verlassener bist, als der ärmste Bettler dieser Welt! Ich danke dir von Herzen für diesen Tod, und opfere dir denselben auf für alle meine Sünden. Wenn ich dereinst in Todesnöten liegen werde, so gedenke deines bittern Sterbens, und verleihe mir durch die Kraft desselben ein seliges Ende. Amen.
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