35. Das sechste Wort Christi
Als nun Christus Galle und Essig gekostet hatte, da erschien (wie die Offenbarung der Hl. Brigitta spricht) die Farbe des Todes in jenen Teilen, wo man sie vor Blut sehen konnte. Die Kinnbacken hingen herab, die Nase wurde spitzig und der Unterleib schrumpfte ein, nachdem alle Feuchtigkeit verzehrt war. Aus diesen Zeichen sah Christus wohl, dass er nicht lange mehr leben könne; daher wollte er seiner Mutter und seinen Freunden, ja der ganzen Welt seinen Tod verkünden und von ihnen Abschied nehmen, indem er sprach: „Es ist vollbracht!“ Er wollte dadurch gleichsam sagen: „Nun ist meines Lebens Ende gekommen und ich sehe, dass ich sterben muss. Meine Kräfte schwinden dahin, meine Sinne vergehen, meine Gestalt verändert sich, und die Todesschmerzen durchdringen alle meine Glieder. Ach, es ist vollbracht, mein Leben ist dahin, und der letzte Augenblick nahet sich mir! Weil ich denn nun scheiden muss, will ich von allen Menschen Abschied nehmen. Insbesondere aber sage ich dir. Mein liebes Kind, Lebewohl, und spreche dieses letzte Wörtlein: Es ist vollbracht! Ich habe Alles getan und gelitten, was ich tun und leiden musste, und zwar in solcher Absicht, als täte ich es für dich allein. Nimm daher auch du es in solcher Meinung an und beherzige wohl was dies für ein großes Wunder sei, dass ich, der höchste Gott, für dich, der du so oft mein Feind warest, mit höchster Liebe und Geduld so viele und schwere Dinge getan und gelitten habe. Dir zu Liebe und um deines Heiles willen habe ich in äußerster Armut, Demut und Verachtung gelebt und so Vieles erlitten, dass es unmöglich ist, Alles aufzuzählen. Man hat mich wie einen Zauberer gelästert, wie einen Verbrecher verfolgt und wie einen Mörder gemartert. So sage mir denn, was hätte ich tun können, das ich nicht getan habe, oder was könntest du noch wollen, dass ich mehr tun oder leiden soll? Ja, wenn mein Leiden nicht genügte, so wollte ich noch einmal für dich allein leiden, was ich für alle Menschen zugleich gelitten habe.
Nun bedenke, ob du einen solchen Freund auf Erden habest, wie ich es bin. Frage denen Vater, deine Mutter, dein Weib und deine Kinder, Geschwister, frage deine besten Freunde, ob sie für dich tun wollen, was ich tue? Wenn du den Tod verschuldet hättest und gekreuzigt werden solltest, würde wohl Jemand sich für dich ans Kreuz schlagen lassen? Weil denn deine besten Freunde nicht für dich tun, was ich getan habe und noch immer zu tun bereit bin, warum liebst du dennoch mich nicht mehr als sie? Du hast sie so lieb, dass du dir manches versagen kannst, um es ihnen zu geben; mir aber willst du nichts zum Opfer bringen. Du schwätzest ihnen zu Liebe oft eine halbe Nacht hindurch; mit mir aber magst du Abends nicht ein halbes Stündlein im Gebete reden, da du doch weißt, wie wohlgefällig mir dieses ist. Du erduldest für sie oft Hitze und Kälte, Hunger und Durst, mir zu Gefallen willst du aber nicht das geringste Bußwerk, nicht die kleinste Abtötung üben, wiewohl du weißt dass ich dir den ewigen Lohn im Himmel dafür versprochen habe. Meinst du nicht, dass mir dieses missfalle? Wenn du einem andern Freunde getan hättest, was ich dir getan habe, und er würde dir mit Undank deine Wohltaten vergelten, würdest du ihm nicht alle Freundschaft aufkünden? Wenn nun dich die Undankbarkeit verdrießt, um wie viel mehr muss sie mich beleidigen, der ich ein unendlicher Gott bin und unendlichen Dank verdiene!“
Gebet
O göttlicher Erlöser! Auch ich bin einer der Undankbarsten, welche dein treues Herz peinigten und am Kreuze töteten. Du hast für mich Alles getan, was du tun konntest, und Alles gelitten, was dir zu leiden möglich war. Ich aber habe deine Leiden nimmermehr recht beherzigt, noch dir jemals von Grund meines Gemütes schuldigen Dank dafür gesagt; sondern vielmehr durch meinen Undank und meine Sünden unendliche Schmach zugefügt. Ich bekenne demütig meine Schuld, und verspreche dir ernstliche Besserung meines Lebens. Ich sage dir ewigen Dank für Alles, was du um meinetwillen auf Erden getan, gelitten und vollbracht hast. Ich sage dir Dank, dass du mir zu Liebe so viele Schweiß- und Blutstropfen vergossen, so viele Tränen geweint und so viele Marter und Pein gelitten hast. Ich sage dir Dank, dass du mir zu Liebe die Hl. Sakramente und besonders das Hl. Messopfer eingesetzt hast. Ich sage dir Dank, dass du mit deinem bittern Leiden und Sterben mich erlöset und durch deine Verdienste mir den Himmel erworben hast. Für dieses und Alles, was du vollbracht hast, sage ich dir aus allen Kräften meiner Seele unendlichen Dank und bitte dich demütigst, du wollest es an meiner armen Seele nicht verloren sein lassen. Opfere alles dieses deinem himmlischen Vater auf und stelle ihm vor, wie teuer du meine Seele erkauft habest, mit welcher Liebe du dieses getan, und mit welcher Freigebigkeit du es mir geschenkt habest. Amen.
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