Samstag, 1. Dezember 2012

Nachfolge 1, 15


Fünfzehntes Kapitel


Von den Werken, die aus Liebe geschehen


  1. Um keinen Preis der Welt und keinem Menschen zuliebe darf mein etwas Böses tun, wohl aber darf man zum Nutzen eines Dürftigen ein gutes Werk freiwillig unterlassen oder auch für ein besseres vertauschen. Denn dadurch wird das gute Werk nicht zerstört, sondern in ein vorzüglicheres verwandelt. Ohne Liebe nützt ein äußerliches gutes Werk nichts; was aber aus Liebe geschieht, wie gering und unansehnlich es auch sei, wird in jeder Beziehung fruchtbar. Denn Gott sieht mehr darauf, warum jemand wirkt, als auf das Werk, das er wirkt.
  2. Viel wirkt, wer viel liebt, und viel tut, wer eine Sache recht tut. Der tut aber eine Sache recht, der mehr der Gesamtheit als seinem eigenen Willen dient. Oft scheint Liebe zu sein, was eher fleischliche Sinnlichkeit ist; denn selten fehlen dabei natürliche Neigung, Eigenwille, Hoffnung auf Wiedervergeltung und Hang zur Bequemlichkeit.
  3. Wer eine wahre und vollkommene Liebe hat, sucht in keiner Sache sich selbst, sondern verlangt, dass allein Gottes Ehre in allen Dingen geschehe. Er beneidet niemanden, weil er keine besondere Freude liebt, auch nicht an sich selbst sich erfreuen will, sondern als das höchste Gut begehrt, in Gott beseligt zu werden. Er schreibt niemandem etwas Gutes zu, sondern bezieht es gänzlich auf Gott, von welchem alles ursprünglich ausgeht, und in welchem endlich alle Heiligen seliglich ruhen. O, wer nur einen kleinen Funken wahrer Liebe hätte, wahrlich, der empfände, dass alles Irdische durch und durch eitel ist!

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