Samstag, 8. Dezember 2012

Nachfolge 1, 16


Sechzehntes Kapitel


Vom Ertragen fremder Fehler


  1. Was der Mensch an sich oder an anderen nicht zu bessern im Stande ist, das soll er geduldig ertragen, bis es Gott anders fügt. Denke, es sei vielleicht so besser für deine Bewährung und Geduld, ohne welche unsere Verdienste nicht hoch anzuschlagen sind. Du musst jedoch bei solchen Hindernissen demütig bitten, dass sich Gott würdige, dir zu Hilfe zu kommen, damit du sie mit Gelassenheit ertragen mögest.
  2. Hast du jemand ein- oder zweimal ermahnt und er gibt nicht nach,  so streite nicht weiter mit ihm, sondern stelle alles Gott anheim, damit sein Wille geschehe und er in allen seinen Dienern geehrt werde, denn er weiß das Böse zum Guten zu wenden. Bemühe dich, alle Arten Mängel und Schwachheiten anderer mit Geduld zu ertragen, denn auch du has tvieles an dir, was andere ertragen müssen. Wenn du dich selbst nicht zu dem machen kannst, was du gerne sein möchtest, wie wirst du es dahin bringen, dass ein anderer nach deinem Gefallen sich verhalte? Wir haben es gerne, wenn andere vollkommen sind, und doch wollen wir unsere eigenen Fehler nicht verbessern.
  3. Wir wollen, dass andere strenge zurechtgewiesen werden; wir selbst aber wollen nicht zurechtgewiesen sein. Es missfällt uns, dass andere so viel Freiheit haben, und doch wollen wir nicht, dass man uns das versage, um was wir bitten. Wir wünschen, dass andere durch Gesetze eingeschränkt seien; wir selbst aber dulden es durchaus nicht, dass man uns weiter einschränke. Es ist sonach offenbar, wie selten wir dem Nächsten uns gleich achten. Wären alle vollkommen, was hätten wir dann von anderen für Gott zu leiden?
  4. Nun aber hat es Gott so geordnet, dass „einer des andern Last tragen lerne“ (Gal 6, 2); denn niemand ist ohne Fehler, niemand ohne Bürde, keiner ist sich selbst genug, keiner für sich hinlänglich weise, sondern wir müssen einander gegenseitig ertragen, trösten, helfen, belehren, ermahnen. Wie weit aber jeder in der Tugend voran sei, wird am besten offenbar bei Gelegenheit einer Widerwärtigkeit. Denn solche Gelegenheiten machen den Menschen nicht schwach, sondern zeigen, wie er ist.

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