Samstag, 9. Februar 2013

Nachfolge 1, 25


Fünfundzwanzigstes Kapitel


Von der eifrigen Besserung unseres ganzen Lebens


  1. Sei wachsam und eifrig im Dienste Gottes und bedenke oft: wozu du gekommen seiest und warum du die Welt verlassen habest? Nicht wahr, um für Gott zu leben und ein geistiger Mensch zu werden? So ringe denn mit Eifer nach Vervollkommnung, denn in kurzer Zeit wirst du den Lohn für diene Bemühungen empfangen, auch wird weder Furcht noch Schmerz in deiner Nähe sein. Jetzt musst du dich ein wenig anstrengen, bald aber wirst du große Ruhe, ja ewige Freude dafür finden. Bleibst du getreu und eifrig in deinem Tun, dann wird Gott ohne Zweifel treu  und reich im Vergelten sein. Festhalten musst du an der guten Hoffnung, dass du die Siegelpalme erlangen werdest; aber Sicherheit darfst du keine daraus ziehen, damit du nicht träg oder hochmütig werdest.
  2. Es war jemand, der schwebte öfter ängstlich zwischen Furcht und Hoffnung; da warf er sich einst, von Kummer fast verzehrt, vor einem Altar zum Gebete nieder und dachte bei sich selbst: „O dass ich doch wüsste, ob ich bis ans Ende ausharren werde!“ Sogleich hörte er in seinem Innersten die göttliche Antwort: „Wenn du es wirklich wüsstest, was würdest du dann tun? Tue jetzt, was du alsdann tun wolltest, und du darfst vollkommen sicher sein.“ Auf der Stelle fühlte er sich getröstet, und gestärkt übergab er sich dem göttlichen Willen, und von da an hatte alles ängstliche Schwanken aufgehört. Er sollt jetzt nicht mehr neugierig nachforschen, um zu erfahren, was ihm in der Zukunft bevorstehe, sondern er befliss sich vielmehr, zu untersuchen, welches der wohlgefällige, vollkommene Wille Gottes sei, um alles Gute anzufangen und zu vollenden.
  3. „Hoffe auf den Herrn und tue Gutes“, sagt der Prophet, „bleibe im Lande und nähre dich von seinen Schätzen“ (Ps 36, 3).Eines ist, was viele vom Fortgang im Guten und vom Eifer in der Besserung zurückhält: die Scheu vor Beschwerden oder die Mühe des Kampfes. Aber gerade jene nehmen vor andere am meisten in der Tugend zu, welche das  um so männlicher zu überwinden suchen, was ihnen  besonders schwer und widerwärtig erscheint. Denn eben dann schreitet der Mensch um so mehr im Guten voran und verdient sich höhere Gnaden, wenn er sich selbst mehr überwindet und im Geiste abtötet.
  4. Allein nicht alle haben gleich viel zu überwinden und abzutöten. Doch wird der begeisterte Kämpfer es weiter bringen als ein anderer, der sonst wohlgesittet ist, aber weniger Eifer zur Tugend hat. Zwei Dinge sind es besonders, die zu großer Besserung verhelfen, nämlich: sich mit Gewalt das versagen, wozu die Natur eine sündhafte Neigung hat, und mit glühendem Eifer jenen guten Eigenschaften nachstreben, deren man am meisten bedarf. Meide  und bekämpfe auch das mit größerem Eifer, was dir an andern öfter missfällt.
  5. Überall suche Anlass, im Guten zu wachsen, so dass du zur Nachahmung entzündet wirst, wenn du gute Beispiele siehst oder hörst. Bemerkst du aber etwas Tadelnswertes, so hüte dich, es nachzuahmen; hast du es jedoch schon getan, so beeifere dich, es so bald als möglich wieder gutzumachen. Wie dein Auge auf andere merkt, so merken andere hinwiederum auf dich. Wie erfreulich und lieblich ist es, Brüder zu sehen, die voll Eifer und Andacht, voll guter Sitten und heiliger Zucht sind! Wie traurig und lästig ist es, solche zu sehen, die einen unordentlichen Wandel führen und das nicht üben, wozu sie der Beruf verpflichtet! Wie schädlich ist es, den Zweck des Berufes zu versäumen und den  Sinn auf das zu richten, was uns nichts angeht!
  6. Sei eingedenk des gefassten Vorsatzes, und stelle dir das Bild des Gekreuzigten vor. Du darfst dich wohl schämen, beim Hinblicke auf das Leben Jesu Christi, da du dich so wenig beflissen hast, ihm gleichförmig zu werden, obwohl du schon lange auf dem Wege zu Gott wandelst. Ein Ordensmann, der sich mit Aufmerksamkeit und Andacht in dem heiligsten Leben und Leiden des Herrn übt, wird darin alles im Überflusse finden, was ihm nützlich und notwendig ist, und wird nicht nötig haben, außer Jesus etwas Besseres zu suchen. O käme Jesus, der Gekreuzigte, in unser Herz, wie bald wären wir gelehrt genug!
  7. Ein glühend eifriger Ordensmann trägt und nimmt alles gut auf, was ihm befohlen wird. Ein nachlässiger, lauter Ordensmann hat Plage über Plage und wird von allen Seiten geängstigt, denn es fehlt im an innerem Troste, und den äußeren Trost zu suchen ist ihm untersagt. Ein Ordensmann, der nicht in klösterlicher Zucht lebt, setzt sich einem schweren Falle aus. Wer immer nur das weniger Strenge und das Bequeme sucht, der wird stets in Angst und Not leben, denn es wird ihm bald das eine, bald das andere missfallen.
  8. Wie machen es so viele andere Ordensleute, die unter der klösterlichen Zucht sehr eingeschränkt leben? Sie gehen selten aus, leben abgeschieden, haben eine sehr ärmliche Kost  und grobe Kleidung, arbeiten viel, reden wenig, bleiben lange wach, stehen frühe auf, verlängern ihre Gebete, lesen häufig und halten sich genau an die klösterliche Zucht. Siehe hin auf die Karthäuser, Cistercienser und Mönche und Nonnen verschiedener Orden, wie sie allnächtlich aufstehen, um  Gott in Psalmen zu preisen! Und darum wäre es schändlich, wenn du in einem so heiligen Werke träge sein wolltest, während eine solche Menge von Ordensleuten Gottes Lob verkündet.
  9. O dass wir doch nichts anderes zu tun hätten, als den Herrn, unsern Gott, aus ganzem Herzen und Munde zu loben! O dass wir nicht das Bedürfnis hätten, zu essen, zu trinken, zu schlafen, sondern immer Gott loben und einzig geistlichen Übungen obliegen könnten! Dann wären wir ungleich glücklicher als jetzt, wo wir dem Leibe zu dienen genötigt sind. Wären doch jene Bedürfnisse nicht da, sondern nur die geistlichen Erfrischungen der Seele, die wir leider nur zu selten verkosten!
  10. Hat es ein Mensch so weit gebracht, dass er bei keinem Geschöpfe mehr Trost sucht, dann erst fängt er an, an Gott vollkommen Geschmack zu finden, dann auch wird er mit dem Geschicke vollkommen zufrieden sein. Dann wird er sich über nichts Geringes betrüben, sondern sich ganz und mit Zuversicht Gott überlassen, der ihm alles in allem ist, dem auch in der Tat nichts stirbt oder zu Grunde geht, dem vielmehr alles lebt und dessen Wink alles ungesäumt gehorcht.
  11. Denke immer an das Ende und dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt. Ohne Sorgfalt und Fleiß wirst du niemals Tugenden erlangen. Sobald du anfängst, lau zu werden, fängt es auch an, schlimm mit dir zu werden. Lässest du dich aber vom Eifer ergreifen, dann wirst du großen Frieden finden, und erfahren, dass deine Bemühung durch die Gnade Gottes und die Liebe zur Tugend erleichtert wird. Ein eifriger und fleißiger Mensch ist zu allem bereit. Den Lastern und Leidenschaften Widerstand leisten, ist eine größere Mühe, als unter leiblichen Arbeiten Schweiß vergießen. Wer die kleinen Fehler nicht vermeidet, fällt nach und nach in größere. Es wird dich am Abend immer freuen, wenn du den Tag nützlich zugebracht hast. Wache über dich selbst; und wie es auch um andere stehe, - versäume dich selbst nicht. In dem Maße, in welchem du dir Gewalt antust, wirst du im Guten zunehmen. Amen.

Quelle

Keine Kommentare: