("Grün" kommt von grienen, weinen)
1. Wo eilst Du hin, o Herr, nach Deinem Abendmahl?
Verlässest Du so schnell den stillen Speisesaal?
Und gehst aus Salems Stadt hinaus;
Ist Deine Lebenszeit schon aus?
Ach, jene Stunde ist gekommen,
Die Du vom Vater angenommen,
Nach der so lange Du getrachtet,
In der Du als ein Lamm geschlachtet,
Für uns am Kreuze bluten wirst.
2. Folg‘ deinem Herrn, mein Geist, folg‘ Jesu Schritt vor Schritt;
Er geht schon und Er führt die lieben Jünger mit.
Sie sind zu schwach, mit anzuseh’n
Den Kampf, in den Er jetzt will geh’n.
„Bleibt hier im Hof“, spricht Er zu ihnen,
„Bis Ich dem Vater werde dienen
Alldort mit Wachen und mit Beten:
Wo Ich mit Ihm auch werde reden
Von dem, was euer Heil betrifft.
3. Der Gottversöhnte geht von Seinen Jüngern fort;
Drei Jünger folgen Ihm auf Sein gegeb’nes Wort.
Sie geh’n mit Ihm zum Garten ein,
Um Zeugen Seiner Angst zu sein.
Noch weiter geht Er auch von diesen,
Die Er zum Wachen angewiesen,
Er beugt mit trauriger Gebärde
Im Dunkeln Seine Knie zur Erde:
Betrübet ist Er bis zum Tod.
4. Tritt näher hin, mein Geist, zu diesem Heiligtum:
Anbetend schwebe still um diesen Berg herum.
Hör, was Er zu dem Vater spricht
Mit trauervollem Angesicht:
„Ich bin“, spricht Er, „nun in dem Stande,
Zu ehren Dich durch Todesbande;
Damit Dein Zorn gestillet werde,
Gabst Du Mir einen Leib von Erde,
Der sterbend Dich versöhnen kann.
5. Ich kam in diesem Fleisch als Mensch auf diese Welt;
Für Menschen hab‘ Ich Mich zum Bürgen dargestellt.
Du sprachst schon längstens wider Mich
Das Urteil – es ist fürchterlich.
Doch Liebe zu den Adamskindern
Wird alle Peinenschrecken mindern.
Zu Deiner Ehre will Ich sterben,
Damit die Menschen nicht verderben:
Der Tod ist Meines Herzens Wunsch.“
6. Kaum hat zum letztenmal sich Jesus so erklärt,
So ist Er mit der Schuld der ganzen Welt beschwert;
Der Vater sieht das Opfer an,
Das uns mit Ihm versöhnen kann.
Er muss in vollem Maß empfinden
Die Pein und Schmerzen aller Sünden.
Von dieser Stund‘ ist Er bedecket
Mit Schimpf und Schamröt‘ – und Er schmecket
Die ganze Bitterkeit des Kelchs.
7. Auf einmal stellt sich Ihm das ganze Leben vor;
Zum voraus stürzen Ihn Spott, Backenstreich und Rohr,
Dorn, Geißel, Nägel, Kreuz und Speer
Tief in ein bitt’res Schmerzensmeer.
Sein Geist kann es nicht überstehen,
Doch darf Er nicht vom Körper gehen;
Gott hält Ihn auf – Er soll noch dulden,
Was wegen aller Menschen Schulden
Des Vaters Zorn zu fordern hat.
8. So kämpft Er bis zum Schweiß, so kämpft Er bis aufs Blut.
Er sinkt – Er fällt – Er liegt. Ihn drückt der Schmerzen Wut.
Im Staube liegt Sein Angesicht,
Vor Blässe kennet man es nicht.
Er ächzet mit gerung’nen Händen:
„Wirst Du Mir keine Hilfe senden?
Darf Ich zu Dir, o Vater flehen,
So lass‘ den Kelch vorübergehen:
Doch es geschehe, wie Du willst.“
9. Er ringet in die Höh‘ ganz kraftlos allgemach,
Und wankend stützt Er sich, zum Gehen noch zu schwach;
Doch schwankt Er zu den Jüngern hin:
„Ihr schlaft und lasst Mich aus dem Sinn?
Könnt ihr nicht eine Stunde wachen?
Kann euch die Not nicht wachsam machen?
O betet, dass ihr fliehen möget
Die Fallstrick, die der Feind euch leget;
Stark ist der Geist, das Fleisch ist schwach.“
10. Zurücke kehrt der Herr zum vorigen Gebet,
Wo Seine Seele bald vor Todesangst vergeht.
Zermalmet ist Sein ganzes Herz;
Zum blut’gen Schweiß gepresst vom Schmerz.
Die Frucht durchzittert Seine Glieder;
Zum Vater betet Er nun wieder:
„Lass ab, den Zornkelch auszugießen;
Lass sich die Leidensstunde schließen!
Doch es geschehe, wie Du willst.
11. Ohnmächtig richtet Er vom Staube Sich empor;
Liebreich besuchet Er die Jünger wie zuvor.
Doch sieht Er sie im Schlaf versenkt:
Wer ist, der Seiner Schmerzen denkt?
„Wollt ihr mit Mir nicht wachen können?
Wollt ihr Mir diesen Trost nicht gönnen?
Sorgt, dass der Feind durch seine Tücke
Nicht euer schwaches Herz berücke,
Stärkt euch durch wachendes Gebet.“
12. Zum dritten Mal fängt nun der Herr zu beten an.
Mit welcher Bangigkeit ringt dieser Schmerzensmann!
Er liegt im Staub, von Angst bedrängt:
In Seinen Schweiß ist Blut gemengt.
Blutquellen werden Seine Glieder,
Blut strömt vom Leib zur Erde nieder.
So wie ein Lamm im Blut sich windet,
Da es den Messerstich empfindet,
So liegt der Gottmensch hier im Blut.
13. Der Vater schaut herab, Er sieht des Sohnes Leid,
Und Stärke sendet Er dem Sohn zu diesem Streit.
Vom Himmel kommt ein Seraph her,
Den Mittler stärkt ein Endlicher.
Sonst mussten Engel Ihn anbeten,
Gebücket vor Sein Antlitz treten:
Jetzt lässt Er Sich von ihnen stärken,
Nimmt Trost von seiner Hände Werke;
So weit ist Er herabgesetzt.
14. Dir, Jesus! Mittler! Gott! Sei Dank und Lob und Preis
Für Deine Todesangst, für Deinen blut’gen Schweiß.
Da ich Dir sonst nichts leisten kann,
So nimm des Mitleids Zähren an.
Wenn ich im Todesschatten sinke
Und aus dem Schmerzenskelche trinke,
Misch’ Du darein von Deinem Schweiße;
Lass mir denselben auf der Reise
Aus dieser Welt zum Labsal sein.
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