30. Das erste Wort Christi
Als nun unser Heiland auf dem harten Todbette des Kreuzes lag und sah, dass er sterben müsse, wollte er tun, wie ein treuer Vater, der seinen Kindern auf dem Sterbebette viele gute Lehren hinterlässt. Deswegen redete er die sieben wunderbaren Worte, deren Kraft nicht genugsam erklärt werden kann. Das erste Wort war: „Vater! Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Die Erhabenheit dieses Wortes kannst du nicht verstehen, es sei denn, dass du zuvor erwägest, wie diejenigen so unwürdig waren, für welche Christus betete. Diese gottlosen Bösewichte fügten ihm so viel Leid zu, dass es nicht genug kann beschrieben werden, und es kein Mensch glauben würde, wenn es die Hl. Evangelien nicht ausdrücklich meldeten. Es ist uns angeboren, dass wir uns über die Marter eines Andern erbarmen, so zwar, dass, wenn Jemand seinen eigenen Feind erbärmlicher Weise hingerichtet sähe, es ihm zu Herzen ginge. Wer sollte daher nicht meinen, dass auch die Juden würden das arme Lämmlein, welches so kläglich vor ihren Augen hing, wenigstens ruhig haben verscheiden lassen. Aber ach! Bei den Juden war weder Gnade noch Barmherzigkeit zu finden; denn ihre Herzen waren härter, als Stein, und unbeweglicher, als Stahl und Eisen. Sie kamen nicht allein dem armen Gekreuzigten nicht zu Hilfe, sondern verlachten, verspotteten und verfluchten ihn aufs Gräulichste. Der Hl. Matthäus sagt: „Sie lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe,“ und der Hl. Lukas: „Das Volk stand und schaute und die Vorsteher samt ihnen verlachten ihn.“
Nun wollen wir sehen, was die Gottlosen für Lästerworte gebraucht haben, damit wir die Schmach Christi desto besser erkennen. Der Hl. Matthäus sagt: „Sie schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ei du, der du den Tempel Gottes zerstörest und in drei Tagen wieder aufbauest, hilf dir selbst!“ War das nicht eine schändliche Schmach, da sie dadurch die ewige Wahrheit gleichsam zum Lügner machten? Weiter sprachen sie: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so steige herab vom Kreuze!“ Mit diesen Worten lästerten sie auch seine Gottheit, als ob er sich fälschlich und hoffärtiger Weise zum Sohne Gottes gemacht hätte, was jetzt offenbar erscheine, da er nicht so viele Kraft habe, sich im Mindesten zu helfen. Drittens sagten sie: „Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen,“ als wollten sie sagen: Wenn du Andern ohne Blendwerk recht geholfen hättest, so könntest du dir ebenfalls jetzt helfen. Nun sieht man’s ja deutlich, dass deine Wunderwerke nur Zauberei waren. Viertens sprachen sie: „Bist du der König von Israel, so steige vom Kreuze herab, und wir wollen an dich glauben.“ Dadurch wollten sie aussprechen: Ei was für ein schöner König der Juden bist du? Wo sind jetzt deine Diener, dass sie dich vom Kreuze erlösen? Weil aber Niemand ist, der dich befreit, so scheint es, dass du nur ein Schattenkönig bist. Fünftens sagten sie: „Er hat auf Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er ein Wohlgefallen an ihm hat; denn er hat ja gesagt: Ich bin der Sohn Gottes.“ Mit diesen giftigen Worten lästerten sie die Frömmigkeit Christi und sein tugendhaftes Leben, als sagten sie: Er hat sich jederzeit für einen frommen Mann ausgegeben, der Gott Tag und Nacht dient; jetzt aber zeigt es sich, dass es lauter Betrug und Falschheit war. Denn wenn er von Herzen fromm wäre, so hätte ihn Gott nicht in solches Leid kommen lassen, oder würde ihm daraus helfen, wenn er es nicht wohl verdient hätte. Weil er aber nun von Gott und den Menschen so ganz verlassen ist, so ist dies ein gewisses Zeichen, dass er ein gottloser Mann ist. Solcher und ähnlicher Worte bedienten sich die Hohenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrten und das ganze Volk, und trieben ihren Spott mit Christus, so lange er lebte.
Jetzt wollen wir betrachten, was es für eine Tugend gewesen sei, dass Christus für diejenigen, die ihn so gräulich lästerten, seinen himmlischen Vater bat. Diese Tugend ist so hoch, und die Liebe und Demut Christi so unergründlich, dass sich aller menschlicher Verstand darüber erstaunen muss. Denn es ist wider alle Natur und aller Welt Brauch, dass man demjenigen, der einem das äußerste Übel zufügte, die geringste Wohltat erweisen sollte. Gleichwohl tat dies der gütige Jesus mit solcher Liebe, dass man sich darüber nicht genug verwundern kann. Denn als er gedachte, wie diese verstockten Sünder sich dadurch mit Leib und Seele in die ewige Verdammnis zuzogen, hatte er mehr Mitleiden mit ihnen, als mit sich selbst. Ja, als er sah, wie der feurige Zorn Gottes schon damals das Racheschwert aus der Scheide gezogen hatte, und wegen der an seinem Sohne verübten Mordtat das ganze jüdische Land mit grausamen Plagen züchtigen wollte; da erbarmte er sich über das große Elend dieses Volkes, und gedachte bei dem erzürnten Vater ihr Unrecht abzubitten. Er stellte sich als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, und fing an, von ganzem Herzen für das unglückliche Volk Gott anzuflehen, und zwar nicht mit stiller Stimme, sondern, wie der Hl. Paulus sagt, mit starkem Geschrei und Tränen, bittend: „Vater! Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
O verstockter Sünder! Beherzige diese hohe Tugend und die unaussprechliche Liebe Christi gegen seine Feinde und verzeihe nach diesem Beispiele auch denjenigen, welche dir jemals ein Leid zugefügt haben. Damit du aber dieses besser tun mögest, bitte Gott um Gnade und sprich folgende
Verehrung des ersten Wortes Christi
O allergütigster Herr Jesu Christe! Ich erinnere dich des ersten Wortes, welches du am Kreuze redetest, als du für deine Feinde bittend zu deinem himmlischen Vater sprachst: „Vater! Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ O mildester Jesus, welche Zunge kann deine unendliche Gütigkeit genugsam loben, oder welches Herz deine unaussprechliche Liebe ohne Tränen der innigsten Rührung betrachten? Du bittest für deine Lästerer und entschuldigest deine Ankläger, ja du betest für deine ergrimmtesten Feinde. Sie schrieen vor Pilatus wider dich: „Hinweg mit ihm!“ Du aber rufest für sie: „Vater! Verzeihe ihnen.“ Sie schrieen: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ Du aber sprichst: „Mein Vater! Ich opfere dir mein vergossenes Blut zur Verzeihung ihrer Sünden.“ Sie schrieen: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ du aber sprichst: „Vater, durch mein Kreuz und meinen Tod verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie sagen.“ Sie lästerten und schmähten dich, sie verfluchten und verwünschten dich, du aber redest Gutes für sie, und wünschest ihnen den himmlischen Segen des Vaters. O Maria! Was gedachtest du, als du dieses liebreiche Gebet deines armen Kindes anhörtest? Ohne Zweifel wurdest du durch dieses Beispiel der Liebe so sehr bewegt, dass du auf deine Knie fielest, und Gott für die Feindee deines lieben Sohnes batest. Weil denn Jesus und Maria denen verzeihen, welche ihnen das größte Leid antun; warum soll ich nicht gleichfalls denjenigen verzeihen, die mich beleidigten? O Jesu und Maria! Ich bitte euch durch die inbrünstige Andacht, mit welcher ihr für eure Feinde gebetet habt, verzeihet mir auch, dass ich euch so oft erzürnt habe. Ich bitte euch durch die große Barmherzigkeit, welche ihr euren Feinden erzeigt habt, gebet, dass auch mir der himmlische Vater gnädig und barmherzig sei. O du sanftmütiges Lämmlein Christe Jesu! Sei nicht gegen deine Feinde mild und gegen deine Freunde strenge, und weil du jenen verziehen hast, so verzeihe auch diesen. Sieh, ich komme zu dir und werfe mich demütig vor dein Hl. Kreuz. Ich spotte deiner nicht, wie die Juden, sondern ehre dich, wie fromme Christen. Ich lästere dich nicht, sondern benedeie dich, ich verfluche nicht dein Leiden, sondern habe herzliches Mitleid mit dir. Wenn du sohin für jene betest, die in ihren Sünden verstockt waren, so bete auch für den, welcher seine Sünden herzlich bereut. Darum öffne noch einmal deinen gebenedeiten Mund, und sprich zu dem himmlischen Vater: Verzeihe diesem Sünder, denn er hat nicht gewusst, dass er dich mit seinen Sünden so schwer beleidigte. Amen.
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