12. Christus wird vor Kaiphas fälschlich angeklagt und ungerecht verurteilt
Der Hl. Matthäus sagt: „Die Hohenpriester und der ganze Rat suchten falsches Zeugnis wider Jesum, damit sie ihn zum Tode überliefern konnten.“
Als nun Kaiphas sah, dass man nichts wider Christus vorbringen konnte, was des Kreuzestodes würdig war, wurde er samt dem ganzen Rate höchst erbittert und wusste nicht, was er anfangen sollte. Weil der geduldige Jesus wie ein armer Sünder vor ihm stand und kein Wort zu seiner Verantwortung sprach, versuchte der arglistige Kaiphas, ob er ihn nicht zum Reden bringen könnte. Er stand daher zornig auf und fragte ihn: Antwortest du nicht auf das, was diese gegen dich zeugen?
Was glaubst du wohl, o christliche Seele, dass Jesus auf diese Frage geantwortet und wie er diese falschen Anklagen widerlegt habe? Matthäus sagt: „Jesus aber schwieg still.“ Obgleich Jesus wusste, dass es sich um sein Leben, seine Ehre und sein Ansehen handelte, schwieg er dennoch still. O mein Jesus! Wie konntest du noch schweigen? Warum hast du nicht wenigstens Ein Wort gesagt, dass ihre Anklagen falsch seien? Weil du nicht redest, so glauben Alle, es sei Alles wahr, was wider dich vorgebracht wurde. Unser gütiger Heiland wollte aber lieber für einen solchen Übeltäter gehalten werden, als sein Stillschweigen brechen, um dir ein Beispiel zu geben, dass du nichts Besseres tun könntest, wenn Jemand mit dir streiten und zanken will, als zu schweigen.
Als der liebe Jesus durchaus nicht reden wollte, wurde Kaiphas ganz wütend, erhob die Hand gen Himmel und schrie mit zorniger Stimme: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagest, ob du Christus, der Sohn Gottes bist.“ Als der Herr so hoch beschworen wurde, musste er wohl reden: sonst hätten die Juden wohl sagen können: „Wenn er uns bekannt hätte, wer er sei, so würden wir ihm geglaubt haben; weil er aber nicht bekennen wollte, haben wir nicht wissen können, dass er wirklich der Sohn Gottes sei!“ Damit nun die Juden keine Entschuldigung hätten, wollte Jesus deutlich und unerschrocken die Wahrheit bekennen.
Himmel und Erde horchten auf diese Antwort und verlangten zu wissen, was Christus sagen werde. Die Juden hatten ihn vielmals darüber befragt; er wollte es ihnen aber niemals ausdrücklich sagen. Weil er aber nun mit solcher Beschwörung, bei dem lebendigen Gott, aufgefordert wurde, zweifelten sie nicht, er würde die Wahrheit bekennen. Darum war in der ganzen Versammlung das tiefste Stillschweigen. Da öffnete das ewige Wort des Vaters seinen Mund und sprach mit lauter, vernehmlicher Stimme: „Du hast es gesagt. Ich sage euch aber: von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Kraft Gottes sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Dadurch wollte er sagen: Jetzt seht ihr mich zwar elend und verachtet; aber am jüngsten Tag werdet ihr mich in meiner vollen Herrlichkeit schauen und dann werde ich euer und aller Menschen Richter sein.
Nun beherzige, o frommer Christ, wie es deinem Erlöser nach seinem Bekenntnisse ergangen sei. Sobald Kaiphas diese Antwort gehört hatte, stellte er sich ganz entsetzt über eine so schwere Gotteslästerung. Er erhob die Augen zum Himmel, zerriss seine hohenpristerlichen Kleider und rief aus: Was haben wir noch Zeugen nötig? Sehet, nun habt ihr die Lästerung gehört! Allein solange die Welt gestanden, war noch keine größere Gotteslästerung geschehen, als gerade Kaiphas hier sich zu Schulden kommen ließ, da er Jesum ins Angesicht einen Gotteslästerer schalt. Gewiss hätten ihn die Engel von seinem Stuhle gestoßen: es war aber jetzt keine Zeit der Rache, sondern des Leidens; doch folgte die Strafe gewiss noch nach.
Nach dieser schrecklichen Gotteslästerung wendete sich Kaiphas zu dem gesamten Rate und sprach: Was dünkt euch? Sie aber antworteten: „Er ist des Todes schuldig.“ Es war nun in dem ganzen Ratssaale ein solches Rufen und Toben, dass keiner sein eigenes Wort verstehen konnte. O unerhörte Bosheit! So lange die Welt steht, ist noch kein ungerechteres Urteil gefällt worden, als eben dieses. Wie wird dieses grausame Geschrei dem lieben Heilande zu Herzen gegangen sein. Darum habe Mitleid mit ihm und sprich folgendes
Gebet zur Beklagung der ungerechten Verurteilung Jesu
O allerdemütigster Herr Jesu Christe! Ich erinnere dich an die vielfältigen Übel, welche dir in dem Hause des Kaiphas widerfahren sind, als du nach deiner Gefangennehmung den ganzen Rate vorgestellt wurdest. Statt aller dieser Lästerungen und jener, die dir heute noch, selbst von den Christen, zugefügt werden, und leider auch von mir zugefügt worden sind, segne und lobpreise ich dich viel tausendmal und bitte dich, du wollest ihnen verzeihen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Zugleich bitte ich dich auch, du wollest auch mir die vielfältigen schweren Sünden, die ich mein Leben lang in diesem Stücke begangen habe, verzeihen; denn es ist mir von Herzen leid, dass ich dich dadurch beleidigt habe. Zur Nachlassung der unzähligen Sünden, die ich durch Fluchen, Schören, Verwünschen und Gotteslästerungen begangen habe, opfere ich dir auf deine höchste Liebe und Geduld, mit welcher du so viele Verunehrungen deines Namens ertragen hast und bitte dich demütig, du wollest dieses mein Opfer wohlgefällig annehmen und mir meine Bosheit gnädig verzeihen.
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