Dienstag, 20. März 2012

Dienstag der vierten Fastenwoche

24. Ecce homo! Sehet, welch ein Mensch!

Damit Jedermann die erbärmliche Gestalt Jesu Christi recht erkenne, will ich selbe von Glied zu Glied beschreiben und zwar nicht, wie ich sie erdichtet, sondern wie der Hl. Geist solche in der Hl. Schrift erklärt hat, und sie noch heutzutage in dem Grabtuche Christi eindrücklich zu sehen ist.

Erstlich hatte der Herr auf dem Haupte eine entsetzliche Dornenkrone, in der Form und Höhe wie ein Hut, und im Umkreis zwei Werkschuhe lang und breit, womit das ganze Haupt gleich einem Dornenzaune eingezäunt war. Sein Haar, welches sehr lang wuchs, und nach dem Gesetze der Nazarener niemals abgeschoren wurde, war damals ganz zerzaust, mit Blut überronnen und mit Speichel besudelt, und teils zusammengeklebt, teils büschelweise ausgerissen, so dass das gebenedeite Haupt Christi unter der dörnernen Krone ganz kahl zu sein schien.

Vom Haupte bis mitten auf die Stirne sah man die spitzigen Dornen inwendig
durch Haut und Fleisch gehen, und das Hl. Haupt grausam verwunden. Seine Ohren waren voll Blut, und von den herunterhängenden Dornenspitzen verletzt und durchstochen. Seine Augen waren wegen des herablaufenden Blutes verdunkelt und zusammengeklebt, so dass er sie nur mühsam öffnen konnte. Außen waren sie wegen der vielfältigen Schläge ganz braun und blau, inwendig aber entzündet und geschwollen.

Seine Hl. Wangen, welche sonst wie Milch und Blut aussahen, waren jetzt von dem Speichel und herabfließenden Blute entstellt, von den Nägeln zerkratzt, und von den vielen Backenstreichen hoch aufgeschwollen, wie die eines Aussätzigen. Sein honigfließender Mund war ganz zerkratzt, geschwollen und entfärbt. Seine Kehle, der Schlund und Hals waren so voll Wunden, dass der Herr sich ohne Schmerzen nicht umwenden, noch etwas hinabschlucken konnte. Kurz, sein ganz liebliches Antlitz was so grässlich entstellt, dass kein Mensch dasselbe mehr erkennen konnte.

O christliche Seele! Hast du schon jemals ein ähnliches Angesicht erblickt, und würdest du es wohl ohne äußerstes Entsetzen und herzliches Mitleiden ansehen können? Stelle dir daher das Angesicht Christi, wie es hier beschrieben wurde, vor die Augen der Betrachtung, so wird es unmöglich sein, dass du nicht gerührt werdest.

Als nun die Juden dieses elende Schauspiel sahen und hörten, wie Pilatus sie mit dem Worte: Ecce homo! So treulich ermahnte, sich mit dieser Marter Christi zufrieden zu geben; wer hätte da nicht meinen sollen, dieser klägliche Anblick sei ihnen zu Herzen gegangen, und sie hätten es bereuet, dass sie diesen armen Mann den Heiden übergeben, welche ihn so grausam und unmenschlich misshandelten? Allein kein Mitleiden war bei den Juden zu finden, denn ihre Herzen waren ganz verstockt und verhärtet. Obwohl sie sich mit eigenen Augen von dem Elende Christi überzeugten, waren sie dennoch nicht mit dem, was bisher geschehen, zufrieden, sondern wollten durchaus, Pilatus sollte den Gefangenen töten lassen. Darum spricht auch Johannes: Als ihn die Hohenpriester und Diener sahen, schrieen sie und sprachen: Kreuzige, kreuzige ihn! O der unmenschlichen Grausamkeit und Tyrannei! Wer sollte wohl glauben, dass solche blutgierige Menschen jemals auf Erden gewesen sein, welche aus lauter Haß und Neid einen unschuldigen Menschen zum grausamen Tode begehrten? O wie schmerzlich wird dem gütigsten Herrn und seiner betrübtesten Mutter dieses Mordgeschrei vorgekommen sein und wie tief wird es ihr Herz verwundet haben, als das ganze jüdische Volk aus allen Kräften schrie: Kreuzige, kreuzige ihn!

Auf dieses Rufen sprach Pilatus entrüstet: „Nehmet ihn hin und kreuziget ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm.“ Da antworteten die Juden: „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetze muss er sterben: denn er hat sich selbst zum Sohne Gottes gemacht.“ Da Pilatus dies hörte, fürchtete er sich noch mehr. Denn weil die Heiden viele Götter hatten und sogar glaubten, dass die Götter Söhne und Töchter hätten, glaubte er, Christus möchte vielleicht der Sohn eines Gottes sein und er würde von dem Gott, dessen Sohn er wäre, nicht ungestraft bleiben. Darum ging er wieder in das Gerichtshaus und sprach zu Jesus: „Woher bist du?“ Jesus aber gab ihm keine Antwort.

Da sprach Pilatus zu ihm: „Mit mir redest du nicht? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht, dich los zu lassen?“ Der Heiland wollte Pilatus seines Übermutes wegen zurecht weisen und sprach daher: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von Oben herab gegeben wäre; darum hat der, welcher mich dir überlieferte, eine größere Sünde.“

Aus diesen Worten verstand Pilatus wohl, dass er sündige, wenn er Christum kreuzigen ließe, deshalb trachtete er auf alle Weise, wie er ihn freigeben möchte. Die Juden aber riefen mit wildem Geschrei: „Wenn du diesen loslässest, so bist du des Kaisers Freund nicht; den Jeder, der sich zum Könige macht, widersetzt sich dem Kaiser.“

Wegen dieser Rede der Juden wurde Pilatus ganz bestürzt und dachte: Wenn sie mich bei dem Kaiser verklagen, werde ich nicht bloß meines Amtes entsetzt, sondern auch hart gestraft werden. So ist es denn besser, dass Christus sterbe, als dass ich so viel Ungemach erdulde. Dies war sein letzter Beschluss, und um dieser Ursache willen gedachte er Christum zum Tode zu verurteilen. O höchste Ungerechtigkeit! Bedenk, o Christ, die Torheit des Pilatus und die äußerste Verachtung Christi. Darum erbarme dich seiner und tröste ihn mit folgendem

Gebet zu Christus, als er dem Volke gezeigt wurde.
O verachtetster Jesu! Gedenke des unaussprechlichen Schimpfes, welcher dir widerfuhr, als du von Pilatus nach deiner Krönung dem Volke vorgestellt und von demselben zum Tode des Kreuzes gefordert wurdest. Stelle dir vor, wie zum Erbarmen du auf der hohen Stiege vor dem Hause des Pilatus zwischen dem Richter und dem Henker standest und an allen Gliedern zittertest. Ach, wie bedauernswürdig war es anzusehen, wie dein Haupt mit Dörnern gekrönt, dein Angesicht mit Blut überronnen, deine Hände mit Stricken gebunden, dein Leib zerfleischt und deine Gestalt ganz verändert war. Dennoch war unter allem Volke Niemand, der sich deiner erbarmet oder viel weniger deiner Erlösung sich angenommen hätte, sondern je beklagenswerter du warest, desto mehr schrieen sie, Pilatus sollte dich kreuzigen lassen. O liebster Jesu! Welchen Eindruck machte dieses grausame Mordgeschrei auf dein gekränktes Herz! Wie viele Stimmen erschollen, so viele Stiche empfingest du, und je größeren Neid sie wider dich bewiesen, desto tiefer waren deine Wunden.

O armer Jesus! Wie kann man dich so hassen, und wie ungerecht geht man mit dir um! An diese Schmach erinnere ich dich, und dieses Mordgeschrei opfere ich dir auf. Mit deinem betrübten Herzen trage ich inniges Mitleid, und deine Schmerzen verwunden meine sündige Seele.

Ich bitte dich durch deine schmähliche Vorstellung vor dem Volke und das Geschrei, mit dem sie deinen Tod forderten, erbarme dich meiner, wenn ich einst vor deinem Gerichte erscheinen und von allen Geschöpfen, die ich missbrauchte, zum Tode gefordert werde. O mein strengster Richter! Mit größerer Scham werde ich alsdann vor dir stehen, als du vor deinen Feinden gestanden bist; darum bitte ich dich demütig, erbarme dich meiner, und tröste mich in dieser großen Angst. Amen.

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