10. Wie Christus, von Annas gefragt, antwortet und den grausamen Backenstreich empfängt
Als nun die grimmige Schar nach Mitternacht in des Annas Haus kam, und der alte Bösewicht sich schon zur Ruhe begeben hatte, da banden unterdessen die Henker den gütigen Herrn an einen Ölbaum, der im Hofe stand, und trieben allerlei Mutwillen mit ihm. Dieser Ölbaum steht noch heutigen Tages rechts von der Kapelle, die dort erbauet ist, und wird von allen Menschen in Ehren gehalten. Die Pilger verrichten ihr Gebet unter demselben und nehmen ein Stücklein von seinem Holze als ein Heiligtum mit sich.
Als nun dieser alte Bösewicht Christus in solcher Gestalt sah, wurde sein giftiges Herz erfreut, weil er Gelegenheit hatte, seinem längst gefassten Zorne freien Lauf zu lassen. Er sprach daher zu dem Herrn mit hochmütigen Worten: Bist du nun hier, du Aufrührer? Du hast uns lange Trotz geboten und geglaubt, wir würden dich nicht fangen können; aber nun wird deine Bosheit ein Ende nehmen, und wir wollen deine Hoffart schon demütigen. Alsdann fragte er ihn nach seinen Jüngern und um seine Lehre.
Bedenke hier, wie diese hochmütige Rede dem Herrn so wehe tat; der Richter der Lebendigen und Toten musste sich hier von einem so schnöden Richter beurteilen lassen. Der ewige, gerechte Gott sollte hier vor dem ungerechten Menschen über sein Tun und Lassen Rede und Antwort geben.
Christus war zwar gebunden, doch war seine Zunge frei. Und daher seine Unschuld zu beweisen und zu zeigen, wie fälschlich man ihn solcher Dinge beschuldigte, wollt er sogar seine Feinde zu Zeugen anrufen. Darum sprach er unerschrocken: „Ich habe öffentlich vor der Welt geredet; ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammen kommen; und ich habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage diejenigen, welche gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe; siehe, diese wissen, was ich gesagt habe.“ Als der Herr diese Worte gesprochen hatte, sprach einer der Diener zu ihm: Antwortest du also dem Hohenpriester? Bei diesen Worten hob er seine rechte Hand, welche mit einem eisernen Handschuh bekleidet war, und schlug den Herrn mit solchem Grimme in das Angesicht, dass er zu Boden stürzte, und, wie der Hl. Vincentius Ferrerius sagt, die Zähne im Munde sich bewegten, das Blut aus Mund und Nase strömte, und die Wunde von diesem Schlage in seinem Angesichte blieb, wie man noch heutzutage in dem Schweißtuche der Hl. Veronika, welches zu Rom aufbewahrt wird, sehen kann.
Hier stelle dir vor, als ob dein Heiland zu dir spräche:
Mein Kind! Siehe, was ich leide, und welch grausame Schmach mir widerfährt. Siehe, wie ich auf dem Boden liege und das Blut mir aus Mund und Nase hervorströmt. Mein Angesicht ist geschwollen, meine Wangen blass und die Zähne im Mund bewegen sich. Bist du nicht aufgebracht über denjenigen, der mich also geschlagen hat, und wünschtest du nicht, dass Feuer vom Himmel falle und ihn verzehre? Sieh, das steht in meiner Macht, und ich könnte diesen Bösewicht augenblicklich in die Hölle stürzen; allein ich tue ihm nichts zu Leide. Sieh, mein Geschöpf! Das tue ich, dein Erschaffer und Gott, wiewohl ich eine so große Beschimpfung vor so vielen Leuten von einem so geringen Menschen empfangen habe. Was hättest du an meiner Stelle getan? Was tust du noch, wenn du nur ein beleidigendes Wort bekommst? O wie zürnest du nicht, und wie vergiltst du Schimpf mit Schimpf? Ist dir denn größere Schmach widerfahren, als mir, oder bist du größer als ich, dass du nicht das Geringste an deiner Ehre leiden willst? Meinst du denn nicht, dass es mich verdrießt, dass du kein Wörtlein mir zu Liebe ertragen willst, da ich doch dir zu Liebe noch viel tausend solcher Backenstreiche angenommen hätte?
Gebet
O Herr Jesu Christe! Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll. Ich muss mich im Grunde meines Herzens schämen, wenn ich meine Ungeduld mit deiner Geduld vergleiche. Mein Leben lang habe ich noch kein einziges Schmähwort dir zu Liebe mit Geduld gelitten, und du wolltest noch tausend Backenstreiche aus Liebe zu mir leiden? Ich, der ich um meiner Sünde willen alle Schmach verdiente, will nichts dulden, und du, der du aller Ehre wegen deiner göttlichen Majestät würdig bist, trägst nun so große Schmach mit unerhörter Sanftmut. Ich will mich aber bessern, o Herr! Und wenn man mich fortan beschimpfen wird, so will ich an deinen Backenstreich denken und nicht ein Wörtlein entgegen reden, wenn nur du mir deine Gnade gibst. Ich danke dir tausendmal für diesen Backenstreich, den du für mich empfangen, und für den Schimpf, den du erlitten hast. Amen.
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