20. Wie Barrabas Christo vorgezogen wurde
Die Juden waren mit Jesus zurückgekommen und ließen dem Pilatus anzeigen, wie es ihnen bei Herodes ergangen sei. Weil sie so nachdrücklich auf den Tod ihres Gefangenen bestanden, berief Pilatus die Hohenpriester und Vornehmsten des Volkes zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen Volksaufwiegler, und siehe, ich habe ihn in eurer Gegenwart verhört, und an diesem Menschen nichts von dem gefunden, weswegen ihr ihn anklaget. Aber auch Herodes nicht; denn ich habe ihn auch zu ihm gesendet, und siehe, es geschah nichts mit ihm, was ihn des Todes schuldig zeigte. So müsst ihr ja bekennen, dass man ihn ohne Sünde nicht hinrichten kann. Dennoch, um euch einigermaßen zufrieden zu stellen, will ich ihn züchtigen und losgeben. Als die blutigen Juden dies hörten, fingen sie an, heftig zu wüten und zu toben, und ersannen neue Lügen, damit sie beweisen möchten, er habe den Tod verdient. Weil dies nichts helfen sollte, machte Pilatus einen andern Vorschlag. Es hatten nämlich die Juden den löblichen Gebrauch, dass sie alljährlich am Osterfeste einen Gefangenen, der das Leben verwirkt hatte, zum Andenken an die Gnade, die Gott ihnen durch die Befreiung aus dem Joche der ägyptischen Knechtschaft erwiesen hatte, losbaten. Pilatus dachte, es werde eintreffliches Mittel sein, Christum zu befreien, wenn er den ärgsten Bösewicht, der eben im Gefängnisse lag, herauszusuchen und ihnen die Wahl lassen würde, ob sie diesen oder Christum frei haben wollten; denn sie würden ja doch lieber Christum, als den ruchlosesten Mörder wählen.
Darum sprach Pilatus zu dem Volke: Welchen wollet ihr nun, dass ich euch losgebe, Barrabas oder Jesum, der da genannt wird Christus? O christliche Seele! Bedenke hier, welch ein Vergleich dies gewesen ist! Barabbas war der ärgste Mörder und Aufrührer, und wird mit dem Urheber des Lebens verglichen! Wer sollte wohl zweifeln, was die Juden werden getan haben? Das einfältige Volk war durch das Zureden und Drohen der Obern so verblendet worden, dass sie lieber einen ruchlosen Mörder, als den lang ersehnten König und Messias haben wollten. Darum fingen die Hohenpriester an zu schreien, und alles Volk rief ihnen nach: „Den Barrabas, den Barrabas!“ Pilatus verwunderte sich und sprach: „Wollt ihr denn nicht euren König loshaben?“ Sie aber riefen alle wiederholt: „Nicht diesen, sondern den Barrabas.“ Pilatus sagte: „Dies wäre ja schrecklich, dass ihr lieber einen Mörder, als einen so heiligen Mann losbitten wolltet!“ Das gesamte Volk schrie aber einstimmig: „Du hörst ja wohl, dass wir diesen nicht haben wollen. Darum hinweg mit diesem, und gib uns den Barrabas los!“ Stelle dir nun vor, als wenn Christus dich also anredete: O mein Kind! Zürnest du nicht über das gottlose Volk, welches einen Mörder höher achtet, als den wahren lebendigen Gott? Freilich, mein Jesu, zürne ich darüber, und zwar so sehr, dass ich gern sähe, wenn die Erde sich unter ihren Füßen öffnete und sie in den Abgrund der Hölle verschlänge. O mein Kind! Wenn du zugegen gewesen wärest, würdest du wohl auch den Barrabas begehrt haben? Ohne Zweifel, mein Jesu, würde ich dich begehrt haben; denn ich müsste ja ohne Verstand sein wenn ich nicht viel tausendmal lieber dich, als einen Mörder haben wollte. Nun sieh aber, o Kind, wie oft du das Gegenteil tust. Es wird dir die freie Wahl gelassen, ob du mir, oder der Welt dienen willst, oder mich zum Freunde haben magst, oder die Welt. Was erwählest du aber? Ist es nicht traurige Wahrheit, dass du mich zurücksetzest und der Welt dienest? Tust du nicht tausend Mal mehr der Welt, als mir zu Liebe? Dienest du nicht viel mehr deinem Leibe, als deiner unsterblichen Seele? Tust du nicht lieber die schwerste Arbeit um einen zeitlichen Gewinn, als eine geringe Mühe um das ewige Heil? Hast du nicht unvergleichlich größere Zuneigung zu einem schlechten irdischen Dinge, als zu mir? Also erwählest du alle Tage oftmals den Barrabas und setzest mich zurück. Gleichwie du sohin billig über die Juden zürnest, dass sie den Barrabas losbaten; so zürne auch ich gerecht über dich, dass du lieber deinem Leibe und der Welt abwartest, als mir.
Gebet
O mein Erlöser! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich muss meine Augen beschämt zu Boden senken, dass ich so gottlos bin. Ich muss bekennen, dass ich meinem Leibe mit seinen Begierden tausendmal mehr diene, als dir, und mich unvergleichlichmal mehr bemühe, eine zeitliche Gunst zu erlangen, als deine Gnade. Wenn ich etwas zu deiner Ehre tun soll, so geschieht es entweder gar nicht, oder mit Verdruss und Nachlässigkeit; was ich aber der Welt zu Gefallen tue, das geschieht mit Lust und Freude. Wenn ich in der Kirche bleiben oder beten muss, so wird mir sogleich die Zeit zu lange; wenn ich aber bei Schwätzereien und Lustbarkeiten verweile, reut mich keine Zeit. So erwähle ich gewissermaßen immer mit dem Volke lieber den Barrabas, als Christum; und dies habe ich in meinem Leben schon viel tausendmal getan, und mehr der Welt, als Gott, mehr dem Leibe, als meiner Seele gedient. Darum bin ich hierin nicht besser, als die Juden, und wenn ich so fortfahre, habe ich zuverlässig zu befürchten, dass ich ewig verloren gehen werde. Ich bitte dich aber, o Jesu, du wollest dies nicht zulassen, sondern mich um deines bittern Leidens willen vor der ewigen Verdammnis bewahren. Ach, gib mir doch einen andern Sinn und einen neuen Geist, damit ich fortan lieber dir, als der Welt diene! Ich nehme mir dieses zwar ernstlich vor, aber du weißt, dass ich ohne deine besondere Gnade nichts vollführen kann. Darum verleihe mir aus Barmherzigkeit diese Gnade, und mache mich aus einem Freunde des Barrabas zu einem treuen Diener Christi. Amen.
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