Samstag, 17. März 2012

Samstag der dritten Fastenwoche

22. Wie Christus gekrönt wurde

Vom Anfange der Welt ist niemals erhört worden, das ein Mensch mit Dörnern gekrönt werden sollte, und auch diesen Henkern wäre ein solcher Gedanke nicht gekommen, wenn sie nicht der Teufel dazu verleitet hätte. So aber liefen etliche hin, holten einige Dornenreiser und trugen sie eiligst herbei. Diese Dornen, wovon die Krone Christi gemacht war, werden Stechdorn (Rhamnus*) genannt, und wachsen auf allen Ackern und Wegen um Jerusalem häufig. Dieser Stechdorn ist der härteste und schärfste aller Dornarten. Seine Blätter sind lang und schmal, und seine Äste mit starken Stacheln versehen, welche hin und wieder voll spitziger Dornen sind. Nach dem Zeugnisse des Hl. Hieronymus haben sie die natürliche Eigenschaft, dass sie Alles, was sie berühren, an sich halten und giftig verwunden. Dieser Stechdorn ist nicht so weich wie die Hagen- und Schlehdornen hier zu Lande, sondern so spitz und hart, dass er durch ein dünnes Bein dringt.
Aus diesen harten, spitzigen, langen, scharfen und giftigen Dornen nun flochten sie dem Heilande die Krone mit so künstlicher Bosheit zusammen, dass der größte Teil der Dornen nach innen gegen das Haupt gerichtet war. Diese Krone war auch nicht klein, oder rund, wie ein Kränzlein, sondern groß und hoch wie ein Hut, so dass sie nicht allein den Scheitel, sondern auch die Stirne, die Schläfe und schier das ganze Haupt bedecken konnte. Nun gedenke, o Christ, wie sich die zarte Natur Christi entsetzt habe, als er diese schreckliche Krone ansah. Ohne Zweifel erbebte sein Herz; denn er wusste wohl, dass ihm diese Krone die heftigsten Schmerzen verursachen und selbst die Marter der Geißelung an Bitterkeit übertreffen werde.

Als die Dornenkrone ganz fertig war, setzten die Henker dieselbe dem Heilande auf sein Hl. Haupt, und drückten sie mit Stöcken so tief hinein, dass die Dornen durch die Stirne und Schläfe, ja selbst bis in die Hirnschale drangen. Beherzige daher, mein lieber Christ, wie schmerzlich diese Krönung gewesen sei, und wie grausam diese Dornen überall das Hl. Haupt verwundet haben, dass das Blut von allen Seiten über das Angesicht herablief, wie dies die Mutter Gottes der Hl. Brigitta selbst geoffenbart hat.
„Die dörnerne Krone hat so grausam das allerheiligste Haupt meines Sohnes durchstochen, dass sein Hl. Blut in seinen Mund, in seinen Bart und in seine Ohren herabfloss.“
Gedenke, welche unendlichen Schmerzen dein liebster Heiland hier litt! Die Erfahrung lehrt, dass ein Glied, das mit einem Dorn gestochen wird, wie Feuer brennt und hoch aufschwillt. Welch unaussprechliche Schmerzen muss also diese spitzige Dornenkrone dem Herrn verursacht haben, welcher von gar zarter Beschaffenheit und von der zartesten königlichen Jungfrau geboren worden war? Auch wurden diese Dornen ihm nicht etwa in die Hand oder den Fuß, sondern in das Haupt gestochen, welches der empfindlichste unter allen Teilen des menschlichen Leibes ist, und wo jede Verletzung so gefährlich wird. Durch diese vielfältigen Dornenstiche wurde das kranke Haupt Christi so sehr verwundet, dass es ein Wunder war, wie er nicht der Sinne beraubt wurde und plötzlich starb. Allein zu seiner größten Pein musste er leben, da ihm das Leben bitterer war als der Tod. Ach Gott, wie schmerzte ihn die breite und schwere Dornenkrone; er hob sein Haupt, und neigte es bald auf diese bald auf jene Schulter, doch fand er nirgends Erleichterung oder Ruhe!

O frommer Christ! Ist es wohl möglich, dass dir diese Marter nicht zu Herzen gehe, und du mit dem gekrönten Jesus kein Mitleid tragest? Darum falle im Geiste vor deinem Jesus nieder und sprich folgendes

Gebet zu Ehren der Krone Christi
O mein gekrönter Herr Jesu Christe! Vor dir falle ich auf mein sündiges Angesicht und bete mit reumütigem Herzen deine göttliche Majestät an. Ich wage kaum, den Blick zu erheben, weil mein Herz vor Mitleid vergehen müsste, wenn ich dein gekröntes Haupt ansehen sollte. O göttliches Haupt, wie bist du doch so voll Peinen und Wunden! Ihr scharfen Dornen, wie durftet ihr euch unterstehen, meinen Heiland so zu verletzen? Schonet doch eures Erschaffers, und durchstechet vielmehr mein sündiges Haupt, damit ich empfinde, was mein Heiland für mich in seiner Krönung gelitten habe. Du edle Krone, geheiligt durch die Berührung und das Blut Jesu Christi, dich küsse und begieße ich mit meinen Tränen! O gekrönter Jesu Christe! Durch die Ehre deiner Dornenkrone erzeige mir deine göttliche Gnade und Barmherzigkeit, und durch deine unendlichen Schmerzen verzeihe mir meine Sünden, die ich durch die Hoffart und Hartnäckigkeit meines Hauptes begangen habe, und nach diesem Leben wolle mich krönen mit der Krone der ewigen Glorie! Amen.

* Heutigen Tags Christusdorn genannt. In unseren Breiten eine Topfpflanze, die schun unangenehm genug zu pflegen ist. Wie groß mag sie erst unter optimalen klinatischen Bedingungen werden (Anmerkung des Abtippers)?

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