27. Wie Christus das Kreuz getragen hat
Nun komm, o christliche Seele, und sieh, wie dein Erlöser sein eigenes Kreuz getragen habe, und in welcher Ordnung der Zug zum Richtplatze gegangen sei. Der Fahnenträger samt der Gerichtsposaune ging voran, hierauf folgten die Soldaten des Pilatus in voller Rüstung, nach diesen kamen die Henkersknechte in ihrer Ordnung und trugen die zur Kreuzigung nötigen Werkzeuge, nämlich die Leiter, Bohrer, Hämmer, Stricke, Zangen, Nägel und Grabscheite; einer hatte die Kanne mit Myrrhenwein, den man den armen Sündern vor der Kreuzigung zu geben pflegte, ein anderer hatte ein Geschirr mit Essig und Ysop. Nach diesen folgten die beiden Mörder, nackt und gebunden, von zwei Schergen geführt, endlich kam der arme Jesus zwischen vier Henkersknechten. Einer ging voran und führte ihn an dem Stricke, der dem Gefangenen um den Leib gebunden war, und zwei gingen an den Seiten mit den Stricken, welche sie ihm um die Arme gelegt hatte, der vierte ging hinter Jesus und trieb ihn ungestüm fort. Nach Christus kamen die Hohenpriester, Pharisäer, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes zu Pferde in großer Pracht, und den Zug beschloss eine zahllose Volksmenge, welche die Neugierde zusammengeführt hatte.
O wie freuten sich die Hohenpriester, da sie Christus mit dem Kreuze einhergehen sahen! Mit den Hohenpriestern stimmte das gemeine Volk ein und lästerte den Kreuzträger schändlicher Weise. So ging in Erfüllung, was Jeremias in seinen Klageliedern geweissagt hatte: „Alle, die des Weges gehen, schlagen deinetwegen in die Hände, sie zischen und knirschen mit den Zähnen und sprechen: Lasst uns sie verschlingen, sieh, das ist der Tag, auf den wir gewartet; wir haben ihn erlebt, gesehen!“ Der Weg von dem Hause des Pilatus durch die Stadt zur Gerichtspforte hinaus bis auf den Berg Kalvariä beträgt eine halbe Stunde; unser Erlöser aber hat wohl eine gute Stunde dazu gebraucht, da er so matt und krank war. Überdies waren seine Füße von den vielen Schlägen so geschwollen, dass er bei jedem Schritte die heftigsten Schmerzen fühlte und kaum gehen konnte.
Als der gütige Herr das Kreuz zu tragen anfing, ging er vielleicht etwas aufwärts; allein schon nach wenigen Schritten wurde ihm dasselbe so schwer und drückte ihn so heftig auf die Schultern, dass er ganz gebückt gehen musste. Je länger er fortging, desto schwerer beugte ihn die Last darnieder. Da Jesus ferner barfuß ging, stieß er sich oft mit den Zehen an die harten Steine, so dass das Blut zur Erde floss. Weil das wollene Kleid durch die beständige Bewegung des Leibes immer sich an den früheren Wunden rieb, wurden diese erneuert und bluteten ohne Unterlass.
Das Kreuz war sehr lang und schwer, und das Querholz hing Christo von vorne so weit über die Knie herab, dass er sich mit den Schienbeinen oft daran stieß, was ihm ungemeine Schmerzen verursachte. Der mittlere Kreuzbalken war so lang, dass er ihn weder auf den Schultern halten, noch auf dem Rücken schwebend tragen konnte, sondern auf der Erde hinter sich nachschleifen musste. Dadurch geschah es, dass das Kreuz immer auf- und niederstieß, und dem Herrn auf seinen verwundeten Schultern unaussprechlichen Schmerz verursachte; und wenn er es etwa über einen Stein oder eine Erderhöhung ziehen musste, so fiel es mit Gewalt auf seine Schultern nieder und stieß ihn gräulich an die Dornenkrone.
Sein Leibrock war in die Wunden und offenen Geißelstriemen gar hart eingedrückt, die Schulterbeine waren sehr gequetscht, und wegen des beständigen Schwankens des schweren Kreuzes wurden alle Wunden des Rückens immer erneuert und erweitert, was dem lieben Heilande so fürchterliche Qualen verursachte, dass er oftmals einer Ohnmacht nahe war.
Endlich, weil die Dornenkrone so dick und breit war, dass sie weit über die Schultern ging, konnte Christus sein Kreuz nicht recht tragen, sondern nur an der äußersten Achselspitze erhalten. Daher geschah es, dass es ohne Unterlass auf die Arme herabfiel, und wieder hinaufgeschoben werden musste, und Christus sich so sehr abmattete, dass ihm der Angstschweiß am ganzen Leibe ausbrach. So ging er seufzend und unter seiner Last keuchend mit gebeugtem Leibe einher; und dennoch war Niemand, der sich seines großen Elendes erbarmte. O so erbarme du dich seiner, mein frommer Christ, und tröste ihn durch folgende andächtige
Verehrung des letzten kläglichen Ganges Christi
O mein liebster, kreuztragender Jesu! In Erwägung deines letzten und bittersten Ganges ist mein Herz mit solchem Mitleiden erfüllt, dass ich weder Maß noch Ziel finde. Im Geiste der Demut und mit zerknirschtem Herzen falle ich auf meine Knie nieder und küsse andächtig diesen Hl. Weg und die Blutspuren deiner Füße; und bitte dich demütig durch diesen bittersten Gang, so wie durch alle Martern, die du auf demselben gelitten hast, du wollest mir alle sündigen Wege, die ich in meinem ganzen Leben gegangen bin, gnädig verzeihen. Und wenn ich den Weg aller Welt werde gehen müssen, so gedenke, o milder Jesu, dass du diesen bitteren Kreuzweg für mich gewandelt bist, damit ich nicht verloren gehe, sondern durch deine Verdienste selig werde. Amen.
(Zur Betrachtung der einzelnen Geheimnisse des Hl. Kreuzweges kannst du dich füglich der dritten, vierten bis neunten Station der Kreuzwegandacht bedienen.)
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