16. Christus im Kerker
Als endlich diese höllische Rotte mit Schlagen und Misshandlung müde geworden, banden sie den erschöpften Heiland aufs Neue, und führten ihn die Treppe hinab in einen engen und finstern Kerker, welcher noch heut zu Tage zu sehen ist; denn die Hl. Helena hat aus dem Hause des Kaiphas eine Kirche gemacht, in welcher nahe bei dem Hochaltare zur rechten ein sehr enges und finsteres Loch ist, welches der Kerker des Herrn genannt wird. Dass Christus wirklich hierher gebracht worden sei, lehrt die Erfahrung; denn wenn ein Mensch hier hineingeht, und sei er auch noch so verstockt, so wird ihn gleichwohl ein großer Schrecken am ganzen Leibe überfallen; woraus abzunehmen ist, was unser Heiland gelitten hat. Wäre ein schändlicherer Ort im Hause gewesen, wo sie den Herrn hätten verwahren können, so würden sie ihn gewiss dahin gesperrt haben, da sie ihn für den ärgsten Bösewicht der Welt hielten. In diesem Kerker nun musste Jesus bleiben, und etliche Bösewichte gesellten sich zu ihm, um ihm keine Ruhe zu lassen. Also stand der halbtote und am ganzen Leibe zerschlagene Heiland in diesem übelriechenden Kerker, und durfte sich weder setzen oder legen, noch auch nur anlehnen; denn soweit er dies versuchte, zogen ihn die Schergen wieder in die Höhe; darum blieb er gar erbärmlich mit geneigtem Haupte stehen, und seine schwachen Knie zitterten vor Mattigkeit. Er hatte nichts, um sich zu laben, und nicht so viel Platz, um sein mattes Haupt darauf zu legen. Wohl manchen Seufzer sendete er zum Himmel und weinte vor Schmerzen heiße Tränen.
Darum bilde dir ein, o frommer Christ, als ob du deinen Heiland hier sähest und zu dir sprechen hörtest: „Mein Kind, ach siehe, was ich hier leide, und wie ich deinetwegen so übel gepeinigt werde. Hier bin ich gefangen, der ich die Gefangenen erlösen sollte. Ist wohl ein Mensch übler daran, als ich, der ich von allen Gütern der Welt auch nicht das Geringste habe? An allen Gliedern bin ich sogar geschlagen, dass ich vor Schmerzen nicht weiß, wo ich mich hinwenden soll; und dennoch habe ich nichts, meine Schmerzen zu lindern. Ich bin so müde und erschöpft, dass ich auf meinen Füßen kaum stehen kann; und dennoch darf ich mich weder setzen, noch niederlegen. Mein Herz ist so voll Schwäche, dass es sich kaum erhalten kann; und doch fehlt mir alle Labung und Stärke. Ich bin von dem Unflate derer, die mich anspieen, ganz besudelt, und habe Niemanden, der mich reinigt. Ich stehe hier in diesem Kerker, wie ein gefangener Übeltäter, und bin ein Gegenstand des allgemeinen Spottes und der Verachtung. Die Engel im Himmel haben Mitleiden mit mir: aber sie helfen mir nicht. Mein himmlischer Vater sieht wohl, wie übel es mir ergeht; aber er nimmt sich meiner nicht an. Du, mein Kind, erkennst wohl auch mein äußeres Elend; allein du lässest es dir nicht zu Herzen gehen. Gleichwohl bist du die einzige Ursache meines Unglückes und hast mich in dieses große Elend gebracht. Denn du hättest wegen deiner Sünden verdient, ewig in dem Kerker der Hölle zu schmachten; damit du aber erlöst werdest, hat mich mein Vater anstatt deiner hierher geführt. Siehe also zu, wie du mir dankbar seiest, und welche Ehre du mir für diese Schmach erzeigest.
Verehrung Christi im Kerker
O mein gefangener Jesu! Der du am jüngsten Tage sagen wirst: Ich war im Kerker, und ihr habt mich besucht, siehe, ich komme aus treuer Liebe in diesen deinen elenden Kerker, und begehre dich zu besuchen und zu trösten. Vor großem Mitleide kann ich aber beinahe kein Wort mit dir reden, und vor Erstaunen weiß ich nicht, was ich sagen oder denken soll. Denn wenn ich dich nur ansehe, meine ich, das Herz müsse mir brechen. Du siehst so erbarmungswürdig aus, dass man dich kaum erkennt, und gleichest fast dem armen Lazarus vor der Tür des reichen Mannes. O Jammer, der wahre Sohn Gottes liegt im finstern, abscheulichen Kerker! Aus wahrer Ehrfurcht vor dir, mein Jesus, falle ich auf meine Knie nieder und küsse den Boden, auf welchem deine Füße gestanden sind! Durch Alles, was du in diesem Kerker gelitten hast, bitte ich dich, dass du mich vor dem ewigen Gefängnisse bewahren und der himmlischen Glorie teilhaftig machen wollest. Gedenke an deine traurige Lage in diesem Kerker! Am ganzen Leibe warst du so zerschlagen, und hattest doch nichts, deine Schmerzen zu lindern. Vor Mattigkeit konntest du dich kaum mehr auf den Füßen erhalten; und dennoch durftest du weder sitzen noch liegen, um auszuruhen. Du standest hier, wie ein armer Sünder, der am nächsten Tage zur Hinrichtung geführt werden soll: und dennoch war Niemand, der dich tröstete, während man sonst selbst den größten Übeltäter zu trösten pflegt. Die Engel im Himmel hatten zwar Mitleiden mit dir; allein sie konnten dir nicht helfen; und die Menschen auf Erden spotteten deiner und vermehrten dir dein Leiden. So standest du diese ganze Nacht hindurch und littest an Leib und Seele so viele Angst und Schmerzen, dass sich selbst die Steine hätten erbarmen mögen. – An dieses Alles erinnere ich dich, und opfere es dir auf mit schuldigster Danksagung und freundlicher Bitte, dass du mich durch die Verdienste desselben von dem höllischen Kerker befreien, und mir das himmlische Paradies zur Wohnung verleihen wollest. Amen.
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