Freitag, 30. März 2012

Freitag der fünften Fastenwoche

33. Das vierte Wort Jesu
Unter allen Worten, welche der gekreuzigte Jesus gesprochen hat, ist keines schrecklicher, als das vierte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Wort ist so kläglich, dass es das gefühlloseste Herz rühren muss. Damit du dasselbe recht verstehst, bedenke zuvor die äußerste Verlassenheit, welche Christus am Kreuze litt.

Man weiß aus Erfahrung, dass ein Mensch alles leibliche und geistige Kreuz wohl ertragen kann, wenn er nur innerlich getröstet und von Gott in der Geduld gestärkt wird. Ist aber Jemand in seinen Widerwärtigkeiten verlassen und entbehrt er des göttlichen Trostes, dann muss der Mensch verzweifeln. Nun bedenke, was dein Erlöser am Kreuze litt, und wie es ihm möglich war, seine Marter zu überstehen. Er war an Leib und Seele in solchem Elende, dass es nicht zu begreifen noch auszusprechen ist. Er war bei allen Menschen so verhasst, dass sie mit Worten und Werken Alles, was sie ersinnen konnten, ihm zu Leide taten. Er war von allen Umstehenden so verachtet, dass ihm kein einziger Mensch auch nur den geringsten Dienst leistete. Überdies war er von der Gottheit so gänzlich verlassen, dass er durchaus keinen Trost von derselben empfing. Wie war es ihm also möglich, diese unendliche Marter und äußerste Verlassenheit zu ertragen?

O christliche Seele! Beherzige um Gottes Willen das schreckliche Elend deines Erlösers und entsetze dich über die unermessliche Bitterkeit seiner Seele. Er hängt am Kreuze in solchen Schmerzen, dass er sich nicht zu helfen weiß. Alle verhöhnen und beschimpfen ihn; er ist an seiner Seele so voll Traurigkeit, dass er durchaus alles Trostes entbehren muss.

Als nun Jesus in solchem unermesslichem Elende war, konnte er sich nicht länger mehr zurückhalten, sondern musste dieses Leid vor aller Welt seinem himmlischen Vater klagen. Diese Klage beschreibt der Hl. Matthäus also: „Um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eli, eli, Lamma sabacthani? Das ist: Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Er redete dieses Wort nicht stille bei sich selbst, sondern damit es alle Welt höre, schrie er mit lauter Stimme: Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?

O wunderbares, o schreckliches Wort, welches Himmel und Erde, Engel und Menschen in höchstes Erstaunen versetzt! Hier muss ein übernatürlicher Glaube obwalten, damit man glaube, dass geschehen sei, was weder die Vernunft noch die Natur zu fassen vermag. Dass sich ein Mensch über den andern, oder über sich selbst beklage, ist nichts Seltenes und Neues; dass aber der Sohn Gottes gegen seinen himmlischen Vater (sohin Gott über Gott selbst) sich beklage, das ist ein hohes Geheimnis, welches kaum erklärt werden kann. Ach, unsre Sünden erforderten eine so starke Genugtuung! Darum kann sich auch Christus mit Recht beklagen und sprechen: O Sünder, in welches Leid bringst du mich, und wie bitter sind deine Missetaten! Wenn du niemals gesündigt hättest, wäre ich nimmer in dieses Meer der Bitterkeit versenkt worden. Glaube nicht, dass ich nur für Andere litt, nein, ich leide auch für dich und wegen deiner Sünden. Denn gleich wie ich für dich sorge, als wärest du allein auf der Welt, so habe ich auch für dich gelitten, als ob du nur allein gesündigt hättest. Ohne Unterlass lagest auch du in meinem Sinne, beständig dachte ich an deine Sünden, welche mich mehr schmerzten, als der Tod, den ich leiden musste: und du willst dennoch kein Mitleiden mit mir tragen und nicht aufhören zu sündigen? Dann beklagte er sich gegen seinen Vater und rief darum mit lauter Stimme, damit es alle Menschen hören und erkennen sollten, dass seine Menschheit allein leide und durchaus keine Hilfe von der Gottheit habe. Denn weil er zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch war, hätten viele Menschen vermutet, Christus habe seine Marter leicht leiden können, weil die menschliche Natur von der Gottheit gestärkt worden sei. Damit Niemand dies glauben, sondern Alle die Überzeugung und feste Gewissheit haben sollten, dass seine Menschheit ohne irgend eine Hilfe gelitten und alle Schmerzen auf das Äußerste empfunden habe, darum wollte er zu Anfang seines Leidens blutigen Angstschweiß vergießen und jetzt am Ende mit heller Stimme ausrufen, dass er von der Gottheit ganz verlassen sei. Es ist zwar wahr, dass die Gottheit die menschliche Natur am Leben erhalten habe; denn sonst hätte Christus vor übermäßigen Schmerzen fast jeden Augenblick plötzlich sterben müssen. Dies war aber für die schwache Menschheit durchaus kein Trost, sondern nur um so schmerzlicher. Denn wäre sie früher gestorben, so hätte sie nicht so viel leiden dürfen; weil sie aber so lange mit dem Tode rang, und doch nicht sterben konnte, so war es der Menschheit kein größerer Trost als es einem armen Sünder ist, der unter langsamen Foltern nicht sterben kann, so sehnlich er auch den Tod herbeiwünscht. Und so wie die Menschen mit einem solchen Gefolterten herzliches Mitleid tragen und den Henker bitten, er wolle doch endlich den Tod des Unglücklichen beschleunigen; also hatten auch die gottliebenden Seelen mit Jesus das herzlichste Mitleid, weil sie sahen, das er ohne Unterlass mit dem Tode rang und doch nicht sterben konnte. O frommer Christ! Trage auch du Mitleid mit deinem verlassenen Heilande, und sprich zu seinem Troste folgende

Verehrung des vierten Wortes Christi
O betrübtester Heiland, Jesu Christe! Ich beherzige das vierte Wort, welches du am Kreuze sprachest, als du in großer Bitterkeit der Seele aus allen Kräften zu deinem Vater mit lauter Stimme riefest: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? O gütigster Jesu! In welchem traurigen Stande warst du damals, und wie tief waren dein Leib und deine Seele in das unermessliche Meer der Bitterkeit versenkt, als du mit weinenden Augen und klagender Stimme dieses entsetzliche Wort sprachest! Die Klage deines Mundes bezeugt die äußerste Verlassenheit deiner Seele. Dieser höchsten Trübsal erinnere ich dich, o gekreuzigter Jesu, und bitte dich, du wollest mich doch nimmermehr in Kleinmütigkeit fallen lassen. Gedenke, wie wehe dir deine Verlassenheit tat, gedenke der großen Seelenangst, die du erduldetest, und wie inbrünstig du deinen Vater um Linderung dieses innerlichen Leidens anriefest; dennoch wollte er dich nicht erhören, sondern ließ dich den Leidenskelch bis auf den Grund leeren. Weil du aber nun um meinetwillen diese bitterste Verlassenheit ausstehen musstest, so bitte ich dich durch dieselbe, du wollest mich nicht ewig verlassen und in diesem Zustande der Verzweiflung preisgeben. Amen.

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