Samstag, 31. März 2012

Samstag der fünften Fastenwoche

34. Das fünfte Wort Christi
Das fünfte Wort, welches der gekreuzigte Heiland geredet hat, war: „Mich dürstet!“ Er sprach dies ungefähr eine Viertelstunde nach drei Uhr, und beklagte sich damit über seinen brennenden Durst. Denn da hatte er so viel Blut vergossen, „dass all seine Kraft verdorret war, wie eine vertrocknete Scherbe.“ Er hatte auch so viel Schweiß und Tränen vergossen, dass keine Feuchtigkeit mehr in ihm war. Aus diesen und anderen Ursachen entstand in unserm Herrn ein solcher Durst, dergleichen kein Mensch jemals gelitten hat. Seine Zunge klebte vertrocknet am dürren Gaumen, seine Lippen waren zersprungen und sein Hals wie verbrannt vor der innerlichen Hitze. Was er sohin die ganze vorige Zeit seines Leidens verschwiegen hatte, das konnte er jetzt, in den letzten Augenblicken seines Lebens, nicht mehr zurückhalten. Damit alle Welt wissen und erkennen sollte, dass er auch die Pein des Durstes gelitten habe, rief er laut aus: „Mich dürstet!“ Es muss gewiss dieser Durst dem gütigen Heilande über alle Maßen bitter gewesen sein, weil er sich nicht enthalten konnte, über denselben zu klagen, da er doch viele andere schmerzliche Dinge schweigend ertragen hatte. Sein Hl. Haupt war voll Dornen und er klagte nicht darüber. Hände und Füße waren ihm mit Nägeln durchschlagen und er sagte nicht: Ach, wenn mir Jemand diese Nägel herauszöge! Sein ganzer Leib war mit Wunden bedeckt und er sprach nicht: Ach, wenn mir Jemand meine Wunden salbte! Drei Stunden lang hing er schon am Kreuze und schwieg; nur den Durst allein konnte er nicht ertragen, sondern rief kläglich aus: „Mich dürstet!“

Mit diesen Worten wollte er gleichsam sagen: O wenn doch Jemand wäre, der mir einen Trunk Wasser reichte, meinen brennenden Durst ein wenig zu löschen! Ich begehre ja keinen Wein oder lindernden Heiltrank, so sehr ich dessen bedürfte, sondern bitte nur demütigst um einige Tropfen Wasser. Ach, ihr lieben Leute, versaget mir doch die menschliche Liebe nicht, deren ich so sehr bedarf, habt Mitleiden mit mir Armen. Ihr sehet ja, dass ich ganz ausgetrocknet und verdorret bin; darum komme Jemand und reiche mir um Gotteswillen einen Trunk Wasser!

O wen sollte doch solch rührendes Klagen nicht tief zu Herzen gehen? Wie war es doch möglich, dass auch nur ein einziger Mensch dem Heilande diesen Dienst versagen konnte? Sag’ an, Johannes, wie kommt es, dass du deinem Meister nicht zu Hilfe eilest? Wie, du säumest, treue Magdalena, dem Geliebten deiner Seele einen Trunk Wasser zu holen? Ihr hättet ja nur den Hauptmann bitten dürfen, dass er euch vergönne, dem armen Gekreuzigten in dieser letzten Not einen Trunk zu reichen, gewiss hätte er es euch erlaubt. Es ist aber zu vermuten, Gott habe dies so angeordnet, dass Niemand sagen könne, sein armer Sohn habe den mindesten Trost in seinem Leben gehabt. Darum stelle dir vor, Jesus spräche also zu dir:

Mein Kind! Hast du auch Mitleid mit mir, und wenn du damals gegenwärtig gewesen wärest, würdest du mir wohl einen Trunk Wasser gereicht haben? Siehe, diese Liebe kannst du mir noch erzeigen, wenn du es treu mit mir meinst. Denn wenn du dir einen Trunk abbrichst und zu Ehren meines Durstes aufopferst, so nehme ich dieses mit solchem Danke an, das ob du mir am Kreuze den köstlichsten Wein zur Labung gereicht hättest. Wenn du mir aber dies versagst, so bist du ebenso unbarmherzig mit mir, wie meine Feinde gewesen sind.

Da unser lieber Herr seinen Durst so zum Erbarmen klagte, was meinst du wohl, dass die Umstehenden getan haben? Sollte ihm wohl Jemand einen Trunk Wein zur Stärkung seiner Schwäche gereicht haben? Ach, ich scheue mich, es zu sagen, weil es wider alle Menschlichkeit ist. Diese grausamen Tyrannen taten dem armen Heilande, der ihnen doch niemals das mindeste Leid zugefügt hatte, was wohl kein Mensch seinem ärgsten Feinde tun würde. Denn als sie ihn in seinen heftigsten Qualen so rührend bitten hörten, versagten sie ihm nicht bloß das Wasser, sondern aus teuflischer Bosheit tauchten sie einen Schwamm in ein Geschirr voll Essig (welches jederzeit bei den Gekreuzigten zur Bereitschaft stand, um ihnen das Blut zu stillen, damit sie desto langsamer stürben). Hernach tauchten sie diesen Schwamm in Galle, banden denselben auf ein Rohr und reihten ihn so dem dürstenden Christus hinauf.

O höchste Unbarmherzigkeit! Ist denn dies ein Trank für einen Sterbenden? O Tyrannei, nicht mit Worten zu beschreiben! Wie konntet ihr Unmenschen doch dem armen Gekreuzigten, der euch sein Leben lang nicht beleidigte, in seiner letzten Not solche Lieblosigkeit antun? Wenn ihr ihm kein Wasser geben wollet, warum gebt ihr ihm Galle und Essig? Ach, wie schmerzte dieses den sterbenden Christus, und wie sehr ging ihm diese Unmenschlichkeit und Schmach zu Herzen. Darum seufzte er tief auf, um seinen Schmerz zu zeigen; gleichwohl aber schlug er den bittern Trank nicht aus, sondern saugte an dem Schwamme. Ach, welch bitteren Geschmack im Munde, welchen Schmerz im Leibe wird ihm dieser Trank verursacht haben! So wurde durch diesen Trank die Natur Christi noch mehr geschwächt und seine Todespein vergrößert. Stelle dir hier vor, als wenn dein Heiland zu dir spräche: „Mein Kind! Geht dir mein Elend noch nicht zu Herzen? Erzürnest du dich nicht über die Henkersknechte, welche mir diesen geringsten Liebesdienst versagten, und statt des Wassers Galle und Essig zu trinken gaben? Hätte ich wohl unrecht gehandelt, wenn ich sie zum ewigen Durste in der Hölle verdammte? Allein bedenke, wie oft handelst du ebenso an mir, indem du dir nicht bloß keinen Abbruch in deinem Durste tust, sondern so manches überflüssige Glas Wein oder Bier oder sogar Branntwein aus lauter Sinnlichkeit und ohne Not, ja selbst über die Not trinkest. So oft du dies tust, ebenso viele Gläser voll Galle und Essig reichest du mir in meinem Durst.“

Gebet
O Herr Jesu Christe! Sollte dies wohl möglich sein, so wäre ich ärger, als deine Kreuziger; denn diese haben dich nur einmal mit Galle und Essig getränkt, ich tue aber dieses so oft. Denn ich habe in meinem Leben viel tausendmal ohne Not, aus Sinnlichkeit und ausgelassener Lust getrunken. Wehe mir gottlosem Menschen, der ich meinem Heilande so Böses zugefügt habe! Es ist mir aber leid, nicht sowohl wegen der zukünftigen Strafe, die ich verdient, sondern wegen der Unbarmherzigkeit und Schmach, die ich dir zugefügt habe. Ich bitte dich, mein Jesus, durch deinen bittern Trank, verzeih mir diese meine Sünde und gib mir Kraft, mich zu bessern. Für alle Strafen, welche ich dir wegen meines überflüssigen Essens und Trinkens schuldig bin, opfere ich dir deinen bittern Durst und Gallentrank. Amen.

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