Mittwoch, 22. Februar 2012

Aschermittwoch

Aschermittwoch
1. Wie Christus am Ölberge trauert
Dieses Geheimnis ist so erschrecklich, dass ich beinahe fürchte, du möchtest dich an Christus ärgern und zweifeln, ob er denn wirklich Gott sei, weil er sich so übermäßig betrübt. Willst du aber deinen betrübtesten Heiland betrachten, so sei standhaft im Glauben und bedenke, dass er diese seine Traurigkeit freiwillig wegen deiner auf sich genommen habe. So gehe denn mit ihm in den Myrrhengarten, zu welchem er dich mit den Worten einladet: Komm in meinen Garten, meine Schwester, um meine Myrrhe mit dem Gewürze zu pflücken (Hld 5, 1).
Nach dem Abschiede von den acht Jüngern ging der schwerstbetrübte Heiland mit seinen drei auserwählten Jüngern vierunddreißig Schritte weit in einen andern Garten, welchen er von Ewigkeit her zu diesem bittern Geheimnisse auserwählt hatte. In diesem Myrrhengarten wollte er sein Leiden erst recht anfangen und alle böse Lust an der Sünde überflüssig abbüßen. Daher schreibt Matthäus: „Er nahm den Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus (Jakobus und Johannes) mit sich und fing an sich zu betrüben und traurig zu sein.“ Merkwürdig ist, dass Matthäus sagt: „Er fing an, traurig zu sein.“ Denn der Herr geriet in solche Betrübnis, dass, wenn dieselbe unter alle Menschen verteilt worden wäre, alle sogleich hätten vergehen müssen.
Um dieses besser zu verstehen, wisse, dass Christus bisher allezeit nach seinem Tod verlangt und auf diese Stunde mit Freuden gewartet habe. Denn weil er Gott war, so wurde seine Menschheit von der Gottheit gestärkt und mit höchster Begierde, für das menschliche Heil zu leiden, entzündet. Sobald er aber an den Ölberg kam, entzog ihm die Gottheit ihren Trost und verließ die Menschheit in ihren natürlichen Kräften, so dass von diesem Augenblicke an bis zum letzten Atemzuge die arme Menschheit nicht einen Tropfen Trostes von der Gottheit empfing, sondern alles Kreuz ganz allein leiden musste, wie jeder andere Mensch, der, von Gott ganz verlassen, seine Marter ausstehen muss.
Stelle dir vor, du sähest deinen geliebten Heiland bei seinen drei Jüngern stehen und beherzige wohl seinen kläglichen Zustand. Auf einmal fingen seine Glieder an zu zittern, und alle Kräfte der Seele entsetzten sich. Seine Knie schlugen zusammen, seine Adern zogen sich ein, seine Gebeine erzitterten, sein Blut erstarrte, das Angesicht wurde bleich und die Lippen blau; die Haare sträubten sich empor, und seine Brust verengte sich, dass der Atem kurz wurde. Seine Augen fielen ein und das Herz pochte ungestüm. Seine Einbildungskraft entsetzte sich, sein Geist erschrak und sein ganzes Wesen wurde mit Furcht erfüllt. Wie Jemand vor einem nächtlichen Gespenste erschrickt, so schauderte der Herr zurück, weil er den schrecklichsten Tod, die grausamsten Martern und die grässlichste Abscheulichkeit der Sünden vor sich stehen sah. Er schaute bald zum Himmel hinauf, bald zur Erde nieder und betrachtete seine Jünger wie ein Sterbender oft die Umstehenden mit schrecklichen Blicken ansieht. Weil er nirgends den mindesten Trost fand, konnte er nur seufzen, weinen und wehklagen. Kurz, er gebärdete sich so kläglich, das die Jünger erschraken und sich von Herzen fürchteten.
O christliches Herz, bedenke, was dein Erlöser hier leidet und wie seine Seele mit Angst und Schrecken erfüllt ist. Damit du desto mehr Mitleiden mit ihm habest, stelle dir vor, als ob er dich also anredet: „Sieh, o Mensch, was ich leide; beherzige, in welcher Bangigkeit ich schwebe. Wenn du mit Augen sehen könntest, wie gequält mein Herz ist, so wäre es unmöglich, dass du mich nicht bedauertest, denn es ist nichts anderes, als wenn ein ganzes Kriegsheer vor mir stände und jeder einzelne Soldat mir unablässig sein Schwert ins Herz stieße. Dies Alles leide ich um deinetwillen; ja du selbst verursachest mir solches Leid, denn wie viele Todsünden du begangen hast und noch begehen wirst, so viele Wunden versetzest du meinem Herzen. Die eitlen Freuden, die du im Sündigen suchest, muss ich bitter abbüßen, und dennoch willst du nicht ablassen, mir meine Bitterkeit zu vermehren. O so quäle mein Herz nicht länger; sonst muss es im Übermaße des Schmerzes zerspringen!

Gebet
O Jesus Christus, du Freude der Engel! Wie bist du in solches Leid gekommen? Haben dich meine Sünden also betrübt? Musst du meine schnöde Lust so teuer büßen? Weh mir, dass ich jemals geboren wurde, weil ich zur Marter und Pein meines Gottes geboren bin! Du Wonne des Paradieses, Jesus Christus, wie ist es mir so leid, dass ich dich in solches Elend gebracht habe. O verfluchte Weltfreude, die den Sohn Gottes in solche Traurigkeit bringt! Sollte ich denn fortan noch solchen schnöden Lüsten und weltlichen Freuden nachtrachten können, besonders wenn ich bedenke, dass ich desto mehr Leid meinem Erlöser verursache, je mehr Freude ich habe? Weil mir aber der Hang zum weltlichen Wohlleben so sehr angeboren ist, so bitte ich dich, mein Jesus! Hilf mir, dass ich mein Herz davon abwenden könne. Durch deine unermessliche Traurigkeit, Angst und Betrübnis, welche du am Ölberge ausgestanden hast, bitte ich dich, gib mir die Gnade, dass ich auf dieser Welt ein bußfertiges Leben führe und mit deinen treuen Dienern immer traure und Leid trage. Amen.

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