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Samstag, 9. Februar 2013

Nachfolge 1, 25


Fünfundzwanzigstes Kapitel


Von der eifrigen Besserung unseres ganzen Lebens


  1. Sei wachsam und eifrig im Dienste Gottes und bedenke oft: wozu du gekommen seiest und warum du die Welt verlassen habest? Nicht wahr, um für Gott zu leben und ein geistiger Mensch zu werden? So ringe denn mit Eifer nach Vervollkommnung, denn in kurzer Zeit wirst du den Lohn für diene Bemühungen empfangen, auch wird weder Furcht noch Schmerz in deiner Nähe sein. Jetzt musst du dich ein wenig anstrengen, bald aber wirst du große Ruhe, ja ewige Freude dafür finden. Bleibst du getreu und eifrig in deinem Tun, dann wird Gott ohne Zweifel treu  und reich im Vergelten sein. Festhalten musst du an der guten Hoffnung, dass du die Siegelpalme erlangen werdest; aber Sicherheit darfst du keine daraus ziehen, damit du nicht träg oder hochmütig werdest.
  2. Es war jemand, der schwebte öfter ängstlich zwischen Furcht und Hoffnung; da warf er sich einst, von Kummer fast verzehrt, vor einem Altar zum Gebete nieder und dachte bei sich selbst: „O dass ich doch wüsste, ob ich bis ans Ende ausharren werde!“ Sogleich hörte er in seinem Innersten die göttliche Antwort: „Wenn du es wirklich wüsstest, was würdest du dann tun? Tue jetzt, was du alsdann tun wolltest, und du darfst vollkommen sicher sein.“ Auf der Stelle fühlte er sich getröstet, und gestärkt übergab er sich dem göttlichen Willen, und von da an hatte alles ängstliche Schwanken aufgehört. Er sollt jetzt nicht mehr neugierig nachforschen, um zu erfahren, was ihm in der Zukunft bevorstehe, sondern er befliss sich vielmehr, zu untersuchen, welches der wohlgefällige, vollkommene Wille Gottes sei, um alles Gute anzufangen und zu vollenden.
  3. „Hoffe auf den Herrn und tue Gutes“, sagt der Prophet, „bleibe im Lande und nähre dich von seinen Schätzen“ (Ps 36, 3).Eines ist, was viele vom Fortgang im Guten und vom Eifer in der Besserung zurückhält: die Scheu vor Beschwerden oder die Mühe des Kampfes. Aber gerade jene nehmen vor andere am meisten in der Tugend zu, welche das  um so männlicher zu überwinden suchen, was ihnen  besonders schwer und widerwärtig erscheint. Denn eben dann schreitet der Mensch um so mehr im Guten voran und verdient sich höhere Gnaden, wenn er sich selbst mehr überwindet und im Geiste abtötet.
  4. Allein nicht alle haben gleich viel zu überwinden und abzutöten. Doch wird der begeisterte Kämpfer es weiter bringen als ein anderer, der sonst wohlgesittet ist, aber weniger Eifer zur Tugend hat. Zwei Dinge sind es besonders, die zu großer Besserung verhelfen, nämlich: sich mit Gewalt das versagen, wozu die Natur eine sündhafte Neigung hat, und mit glühendem Eifer jenen guten Eigenschaften nachstreben, deren man am meisten bedarf. Meide  und bekämpfe auch das mit größerem Eifer, was dir an andern öfter missfällt.
  5. Überall suche Anlass, im Guten zu wachsen, so dass du zur Nachahmung entzündet wirst, wenn du gute Beispiele siehst oder hörst. Bemerkst du aber etwas Tadelnswertes, so hüte dich, es nachzuahmen; hast du es jedoch schon getan, so beeifere dich, es so bald als möglich wieder gutzumachen. Wie dein Auge auf andere merkt, so merken andere hinwiederum auf dich. Wie erfreulich und lieblich ist es, Brüder zu sehen, die voll Eifer und Andacht, voll guter Sitten und heiliger Zucht sind! Wie traurig und lästig ist es, solche zu sehen, die einen unordentlichen Wandel führen und das nicht üben, wozu sie der Beruf verpflichtet! Wie schädlich ist es, den Zweck des Berufes zu versäumen und den  Sinn auf das zu richten, was uns nichts angeht!
  6. Sei eingedenk des gefassten Vorsatzes, und stelle dir das Bild des Gekreuzigten vor. Du darfst dich wohl schämen, beim Hinblicke auf das Leben Jesu Christi, da du dich so wenig beflissen hast, ihm gleichförmig zu werden, obwohl du schon lange auf dem Wege zu Gott wandelst. Ein Ordensmann, der sich mit Aufmerksamkeit und Andacht in dem heiligsten Leben und Leiden des Herrn übt, wird darin alles im Überflusse finden, was ihm nützlich und notwendig ist, und wird nicht nötig haben, außer Jesus etwas Besseres zu suchen. O käme Jesus, der Gekreuzigte, in unser Herz, wie bald wären wir gelehrt genug!
  7. Ein glühend eifriger Ordensmann trägt und nimmt alles gut auf, was ihm befohlen wird. Ein nachlässiger, lauter Ordensmann hat Plage über Plage und wird von allen Seiten geängstigt, denn es fehlt im an innerem Troste, und den äußeren Trost zu suchen ist ihm untersagt. Ein Ordensmann, der nicht in klösterlicher Zucht lebt, setzt sich einem schweren Falle aus. Wer immer nur das weniger Strenge und das Bequeme sucht, der wird stets in Angst und Not leben, denn es wird ihm bald das eine, bald das andere missfallen.
  8. Wie machen es so viele andere Ordensleute, die unter der klösterlichen Zucht sehr eingeschränkt leben? Sie gehen selten aus, leben abgeschieden, haben eine sehr ärmliche Kost  und grobe Kleidung, arbeiten viel, reden wenig, bleiben lange wach, stehen frühe auf, verlängern ihre Gebete, lesen häufig und halten sich genau an die klösterliche Zucht. Siehe hin auf die Karthäuser, Cistercienser und Mönche und Nonnen verschiedener Orden, wie sie allnächtlich aufstehen, um  Gott in Psalmen zu preisen! Und darum wäre es schändlich, wenn du in einem so heiligen Werke träge sein wolltest, während eine solche Menge von Ordensleuten Gottes Lob verkündet.
  9. O dass wir doch nichts anderes zu tun hätten, als den Herrn, unsern Gott, aus ganzem Herzen und Munde zu loben! O dass wir nicht das Bedürfnis hätten, zu essen, zu trinken, zu schlafen, sondern immer Gott loben und einzig geistlichen Übungen obliegen könnten! Dann wären wir ungleich glücklicher als jetzt, wo wir dem Leibe zu dienen genötigt sind. Wären doch jene Bedürfnisse nicht da, sondern nur die geistlichen Erfrischungen der Seele, die wir leider nur zu selten verkosten!
  10. Hat es ein Mensch so weit gebracht, dass er bei keinem Geschöpfe mehr Trost sucht, dann erst fängt er an, an Gott vollkommen Geschmack zu finden, dann auch wird er mit dem Geschicke vollkommen zufrieden sein. Dann wird er sich über nichts Geringes betrüben, sondern sich ganz und mit Zuversicht Gott überlassen, der ihm alles in allem ist, dem auch in der Tat nichts stirbt oder zu Grunde geht, dem vielmehr alles lebt und dessen Wink alles ungesäumt gehorcht.
  11. Denke immer an das Ende und dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt. Ohne Sorgfalt und Fleiß wirst du niemals Tugenden erlangen. Sobald du anfängst, lau zu werden, fängt es auch an, schlimm mit dir zu werden. Lässest du dich aber vom Eifer ergreifen, dann wirst du großen Frieden finden, und erfahren, dass deine Bemühung durch die Gnade Gottes und die Liebe zur Tugend erleichtert wird. Ein eifriger und fleißiger Mensch ist zu allem bereit. Den Lastern und Leidenschaften Widerstand leisten, ist eine größere Mühe, als unter leiblichen Arbeiten Schweiß vergießen. Wer die kleinen Fehler nicht vermeidet, fällt nach und nach in größere. Es wird dich am Abend immer freuen, wenn du den Tag nützlich zugebracht hast. Wache über dich selbst; und wie es auch um andere stehe, - versäume dich selbst nicht. In dem Maße, in welchem du dir Gewalt antust, wirst du im Guten zunehmen. Amen.

Quelle

Samstag, 2. Februar 2013

Nachfolge 1,24


Vierundzwanzigstes Kapitel


Vom Gericht und den Strafen der Sünder


  1. In allen Dingen siehe auf das Ende und wie du vor dem strengen Richter bestehen werdest, dem nichts verborgen ist, der sich durch Geschenke nicht begütigen lässt und keine Entschuldigung annimmt, sondern richten wird nach Gerechtigkeit. O überaus armseliger und törichter Sünder, was wirst du Gott antworten, der alle deine Sünden weiß, da du bisweilen das Antlitz eines erzürnten Menschen fürchtest? Warum verstehst du dich nicht auf den Tag des Gerichtes, wo niemand durch einen andern kann entschuldigt oder verteidigt werden, sondern wo jeder an seiner eigenen Last genug zu tragen haben wird?  Jetzt noch ist deine Anstrengung fruchtbringend, dein Weinen gottgefällig, dein Seufzen erhörbar, dein Reueschmerz genugtuend und reinigend.
  2. Ein großes und heilsames Reinigungsfeuer hat der geduldige Mensch, wenn er das Unrecht gerne hinnimmt und mehr über die Bosheit des anderen als über die erlittene Beleidigung betrübt ist; wenn er für seine Feinde gerne betet und ihnen ihre Schuld von Herzen verzeiht; wenn er nicht zögert, andere um Verzeihung zu bitten; wenn er lieber sich erbarmt als zürnt; wenn er endlich sich selbst oft Gewalt antut und sein Fleisch um jeden Preis dem Geiste zu unterwerfen sucht. Besser ist’s, sich jetzt von Sünden zu reinigen und Laster auszurotten, als sie zur Reinigung für die Zukunft aufzusparen. Wahrlich, wir betrügen uns selbst, wenn wir eine unordentliche Liebe zu den fleischlichen Dingen haben.
  3. Was sonst wird jenes Feuer verzehren, als deine Sünden? Je schonender du jetzt gegen dich selbst bist und je mehr du dem Fleische nachgibst, desto härter wirst du in der Zukunft büßen und desto mehr Stoff sammelst du dir für das verzehrende Feuer. Worin der Mensch sündigt, darin wird er auch umso schmerzhafter gestraft. Dort werden die Trägen mit glühenden Stacheln gespornt und die Gaumendiener durch ungeheuren Hunger und Durst gefoltert werden. Dort werden die Üppigen und Wollüstigen mit brennendem Pech und stinkendem Schwefel übergossen werden und die Neidischen vor Schmerz heulen gleich wütenden Hunden.
  4. Es gibt kein Laster, das nicht seine eigene Qual haben wird. Dort werden die Hoffärtigen mit aller Schande bedeckt, die Geizigen aber von der äußersten Dürftigkeit gedrückt werden. Dort wird eine einzige Stunde in der Pein schwerer sein, als hier hundert Jahre in der strengsten Buße. Dort ist keine Ruhe, kein Trost für die Verdammten; hier ruht man doch bisweilen aus von seinen Mühen und genießt den Trost der Freunde. Jetzt sei also besorgt und voll Reue um deiner Sünden willen, damit du am Tage des Gerichtes mit den Seligen geborgen sein mögest. Denn alsdann werden die Gerechten mit großer Festigkeit denen gegenüberstehen, von welchen sie geängstigt und unterdrückt worden sind (Weish 5, 1). Dann wird als Richter auftreten, wer sich jetzt den Urteilen der Menschen unterwirft. Dann wird der Arme und Demütige große Zuversicht haben, der Stolze aber allerwärts beben.
  5. Dann wird sich’s zeigen, dass der in dieser Welt weise gewesen ist, welcher gelernt hat, verachtet und ein Tor zu sein um Christi willen. Dann wird man sich freuen jeder Trübsal, die man mit Geduld ertragen hat, und alle Bosheit wird verstummen (Ps 106, 42). Dann wird frohlocken jeder Fromme und trauern jeder Gottlose. Dann wird das gekreuzigte Fleisch mehr jubeln, als wenn es in  Wollüsten immer wäre gehegt worden. Dann wir das geringe Kleid glänzen, das feine Gewand aber erbleichen. Dann wird man sich eine arme Hütte mehr loben als einen goldstrahlenden Palast. Dann wird die ausdauernde Geduld mehr eintragen, als alle Macht der Welt. Dann wird der einfältige Gehorsam höher gestellt werden als alle Schlauheit der Welt.
  6. Dann wird ein reines, gutes Gewissen mehr Freude gewähren als gelehrte Weltweisheit. Dann wird die Verschmähung der Reichtümer mehr ins Gewicht fallen als alle Schätze der Erdbewohner. Dann wird dir ein andächtiges Gebet mehr Trost bereiten als eine ausgesuchte Mahlzeit. Dann wirst du dich viel mehr über das beobachtete Stillschweigen als über vieles Gerede freuen. Dann gelten heilige Werke mehr als viele der schönsten Worte. Dann wird dir ein abgehärtetes Leben und strenge Bußübung lieber sein als jede irdische Ergötzlichkeit. Lerne jetzt im Kleinen leiden, damit du alsdann von größeren Leiden befreit werden mögest. Versuche zuerst hier, was du später zu leiden vermögest. Wenn du jetzt so wenig aushalten kannst, wie wirst du die ewigen Qualen ertragen können? Wenn dich ein kleines Leiden so ungeduldig macht, was wird erst die Hölle tun? Siehe, zweierlei Freuden kannst du wahrlich nicht haben. Du kannst nicht hier in der Welt dich ergötzen und hernach mit Christo herrschen.
  7. Hättest du bis auf den heutigen Tag fortwährend in Ehren und Freuden gelebt, was würde es dir nützen, wenn du in diesem Augenblicke sterben müsstest? Darum ist alles Eitelkeit, außer Gott lieben und ihm allein dienen. Denn wer Gott von ganzem Herzen liebt, der fürchtet weder Tod noch Strafe, noch Gericht, noch Hölle, weil die vollkommene Liebe einen sichern Zutritt zu Gott bereitet. Es ist aber kein Wunder, wenn der den Tod  und das Gericht fürchtet, der noch Lust an der Sünde hat. Doch ist es gut, dass dich wenigstens die Furcht vor der Hölle vom Bösen zurückhalte, wenn es die Liebe noch nicht zu tun vermag. Wer aber die Furcht Gottes hintansetzt, wird nicht lange im Guten bestehen können, sondern gar schnell in die Fallstricke des Teufels geraten.
Quelle

Samstag, 26. Januar 2013

Nachfolge 1, 23


Dreiundzwanzigstes Kapitel


Von der Betrachtung des Todes


  1. Gar bald wird es um dich hinieden geschehen sein; siehe daher zu, wie es mit dir stehe, denn heute ist der Mensch, und morgen verschwindet er. Sowie er aber aus den Augen ist, wird er auch bald aus dem Sinne sein. O Stumpfheit und Härte des menschlichen Herzens, das nur den gegenwärtigen Dingen nachsinnt, auf die zukünftigen nicht hinausblicke! In allem deinem Denken und Tun solltest du dich so verhalten, als ob du heute noch sterben müsstest. Hättest du ein gutes Gewissen, so würdest du den Tod nicht sonderlich fürchten. Besser wäre es, sich vor Sünden zu hüten, als den Tod zu fliehen. Wenn du heute nicht bereit bist, zu sterben, wir wirst du es morgen sein? Der morgige Tag ist ungewiss, und weißt du, ob du ihn erleben wirst?
  2. Was hilft es, lange zu leben, wenn wir uns so wenig bessern? Ach, ein langes Leben macht nicht immer besser, sondern vermehrt oft nur die Schuld. O dass wir nur einen einzigen Tag in dieser Welt gut zugebracht hätten! Viele zählen die Jahre von ihrer Bekehrung an, aber die Frucht ihrer Besserung ist oft gering. Wenn es schrecklich ist, zu sterben, so ist es vielleicht noch viel gefährlicher, länger zu leben. Glücklich, wer die Stunde seines Todes immer vor Augen hat und sich zum Sterben täglich bereit hält! Hast du je einmal einen Menschen sterben sehen, so bedenke, dass auch du denselben Weg gehen wirst.
  3. Ist es Morgen, so stelle dir vor, du werdest den Abend nicht mehr erleben. Ist es aber Abend geworden, so wage es nicht, dir den Morgen zu versprechen. Darum sei immer bereit und lebe so, dass dich der Tod nie unvorbereitet finde. Viele sterben plötzlich und unversehen dahin; denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da man es nicht vermutet (LK 12, 40). Wenn nun jene letzte Stunde gekommen sein wird, dann wirst du von deinem vergangenen Leben ganz anders denken, und es wird dich tief schmerzen, dass du so nachlässig und lau gewesen bist.
  4. Wie glücklich und weise ist der Mensch, der jetzt so zu leben sich bestrebt, wie er im Tod erfunden zu werden wünscht! Denn was uns große Zuversicht zu einem seligen Tode gibt, ist: vollkommene Verschmähung der Welt, inbrünstiges Verlangen, in allen Tugenden zuzunehmen, Liebe zur heiligen Zucht, Anstrengung in der Buße, Bereitwilligkeit zum Gehorsam, Verleugnung seiner selbst und Erduldung jeder Widerwärtigkeit aus Liebe zu Christo. Du kannst viel Gutes tun, solange du gesund bist; aber was du in der Krankheit wirst tun können, weiß ich nicht. Wenige werden durch die Krankheit gebessert, wie auch selten heilig wird, wer viel wallfahrtet.
  5. Verlass dich nicht auf deine Freunde und Verwandten, und verschiebe dein Heil nicht auf die Zukunft; denn schneller, als du glaubst, werden die Menschen deiner vergessen. Besser ist’s, du sehest dich jetzt, da es noch Zeit ist, vor, und schickest gute Werke voraus, als dass du auf fremde Hilfe bauest. Bist du jetzt nicht selbst für dich besorgt, wer wird für dich besorgt sein in der Zukunft? Jetzt ist die Zeit kostbar, jetzt sind die Tage des Heils, jetzt ist die angenehme Zeit (2 Kor 6, 2). Aber ach, dass du diese Zeit nicht nützlicher anwendest, in welcher du dir Verdienste sammeln kannst, die dir zum ewigen Leben verhelfen! Es wird eine Zeit kommen, wo du nach einer einzigen Stunde oder einem einzigen Tage zu deiner Besserung dich sehnest; - aber ob du sie erlangen wirst? Ich weiß es nicht.
  6. Bedenke doch, geliebtester Freund! Von welch großer Gefahr du dich befreien, welch großer Furcht du dich entreißen könntest, wenn du stets an den Tod dächtest und seinetwegen in Sorgen wärest. Bestrebe dich jetzt, so zu leben, dass du in der Stunde des Todes eher Freude als Furcht haben darfst. Lerne jetzt der Welt absterben, damit du dann anfangst, mit Christo zu leben. Lerne jetzt alles gering achten, damit du ungehindert zu Christo gelangen mögest. Züchtige jetzt deine Leib durch Bußübung, damit du alsdann eine feste Zuversicht haben könnest.
  7. O Tor! Was rechnest du auf ein langes Leben, da du keines Tages versichert bist! Wie viele haben sich getäuscht, indem sie unverhofft aus diesem Leben abberufen worden sind! Wie oft hast du sagen gehört: dieser ist durch das Schwert gefallen, jener ertrunken; dieser stürzte von der Höhe herab und brach das Genick, jener erstickte beim Essen, ein anderer hat beim Spiel sein Leben geendet. Einer ist im Feuer, ein anderer im Kriege, wieder einer durch die Pest und noch ein anderer durch die Hände der Mörder um sein Leben gekommen; und so ist das Ende aller – der Tod; schnell wie ein Schatten eilt des Menschen leben vorüber.
  8. Wer wird nach dem Tode deiner gedenken, wer für dich beten? So tue denn jetzt, Geliebtester, was du tun kannst, weil du nicht weißt, wann du sterben wirst, noch was nach dem Tode deiner harrt. Solange du noch Zeit hast, sammle dir unvergängliche Schätze. Denke an nichts als an dein Heil, und sei für nichts besorgt als für das, was Gottes ist. Mache dir die Heiligen Gottes zu Freunden, indem du sie verehrst und ihre Tugenden nachahmst, damit sie dich, wenn du aus diesem Leben scheidest, in die ewigen Wohnung aufnehmen.
  9. Halte dich für einen Fremdling und Gast auf dieser Erde, den das Treiben der Welt nichts angeht. Bewahre dein Herz frei von dieser Welt und zu Gott erhoben, denn „du hast hier keine bleibende Stätte“ (Hebr 13,14). Dorthin richte dein Gebet, deine täglichen Seufzer und Tränen, damit dein Geist verdiene, nach dem Tode selig zum Herrn hinüberzugehen. Amen.
Quelle

Samstag, 19. Januar 2013

Nachfolge 1, 22


Zweiundzwanzigstes Kapitel


Von der Betrachtung der menschlichen Armseligkeit


  1. Wo du immer sein und dich hinwenden magst, bist du elend, wenn du dich nicht zu Gott wendest. Warum betrübt es dich, wenn dir nicht alles nach Wunsch und Willen geht? Wem geht es wohl alles nach seinem Willen? Weder mir, noch dir, noch einem andern Menschen auf Erden. Niemand in der Welt ist ohne Trübsal und Bedrängnis, sei er auch König oder Papst. Wer hat es am besten? Sicherlich der, welcher für Gott etwas leiden kann.
  2. Es sagen viele Schwächliche und Kränkliche: Wie gut kann dieser Mensch leben; wie ist er so reich, so groß, so mächtig, so hochgestellt! Aber richte du deinen Blick auf die himmlischen Güter, und du wirst sehen, dass alle diese zeitlichen Güter nichts sind; vielmehr sind sie sehr ungewiss und überaus lästig, weil man sie nie ohne Kummer und Furcht besitzen kann. Die Glückseligkeit des Menschen besteht nicht darin, zeitliche Güter im Überflusse zu haben,, ein mittelmäßiger Besitz genügt ihm. Es ist ein wahres Elend, auf Erden zu leben. Je geistlicher ein Mensch leben will, desto bitterer wird ihm das gegenwärtige Leben, weil er die Gebrechen menschlicher Verdorbenheit um so klarer einsieht und tiefer empfindet. Denn essen, trinken, wachen, schlafen, ruhen, arbeiten und den übrigen Naturbedürfnissen unterworfen sein, ist wahrhaft ein großes Elend und eine Pein für den gottseligen Menschen, der gern frei und ledig von aller Sünde sein möchte.
  3. Gar sehr wird der innerliche Mensch durch die leiblichen Bedürfnisse in dieser Welt beschwert. Darum fleht der Prophet, um von ihnen frei zu sein, in Andacht also: „Von meinen Nöten errette mich, o Herr!“ (Ps. 24. 17). Aber wehe denen, die ihre Armseligkeit nicht erkennen, und zweimal wehe denen, die dieses elende und verderbliche Leben noch lieben. Denn einige – wiewohl sie durch Arbeit oder durch Betteln kaum das Nötige erwerben – klammern sich so fest daran, dass sie sich um das Reich Gottes nicht bekümmerten, wenn sie ewig hier leben könnten.
  4. O die Toren und Wankelmütigen, die so tief in das Irdische versunken sind, dass sie nur an dem Fleischlichen Geschmack finden! Aber diese Unglückseligen werden es am Ende schwer empfinden, wie gering und nichtig das war, was sie geliebt hatten. Hingegen die Heiligen Gottes und alle andächtigen Freunde Christi achteten nicht auf das, was in diesem Leben etwas gilt, sondern all ihr Hoffen und Sinnen war auf die ewigen Güter gerichtet. All ihr Sehnen erhob sich aufwärts zu den bleibenden und unsichtbaren Gütern, damit sie nicht aus Liebe zu den sichtbaren hinabgezogen würden zu den niedrigsten.

Bruder, verliere nicht die Hoffnung, im geistlichen Leben zuzunehmen; noch hast du Zeit und Stunde dazu.

  1. Warum willst du Deinen Vorsatz auf morgen verschieben? Auf! Fange zur Stunde an und sprich: Jetzt ist es Zeit zum Handeln, jetzt ist es Zeit zum Kämpfen, jetzt ist die gesegnete Zeit, mich zu bessern. Wann es dir übel ergeht und du Drangsale leidest, dann ist es Zeit, dir Verdienste zu sammeln! Du musst durch Feuer und Wasser gehen, bevor du zur erquickenden Ruhe gelangen kannst (Ps 65, 12).Tust du dir nicht Gewalt an, so wirst du das Laster nicht besiegen. Solange wir diesen gebrechlichen Leib an uns tragen, können wir nicht ohne Sünde sein, noch ohne Überdruss und Schmerz leben. Wir möchten gerne unbelästigt sein von allem Elende, allein weil wir durch die Sünde die Unschuld verloren haben, so haben wir auch die wahre Glückseligkeit verloren. Daher müssen wir Geduld tragen und auf die Erbarmung Gottes harren, bis „diese Argheit vorüber“ (Ps 56, 2) und „die Sterblichkeit vom Leben verschlungen“ (2 Kor 5, 4) sein wird.
  2. O wie groß ist die menschliche Gebrechlichkeit, die allezeit zum Sündigen geneigt ist! Heute beichtest du deine Sünden, und morgen schon begehst du die gebeichteten wieder. In diesem Augenblicke nimmst du dir vor, die Sünde zu meiden, und nach einer Stunde handelst du so, als wenn du keinen Vorsatz gefasst hättest. Wir haben also wohl Ursache, uns zu demütigen und niemals hoch von uns zu denken, weil wir so gebrechlich und unbeständig sind. Schnell kann auch durch Nachlässigkeit verloren gehen, was man kaum erst und nach vieler Mühe durch die Gnade errungen hat.
  3. Was wird am Ende noch aus uns werden, die wir so frühe im Eifer erkalten? Wehe uns, wenn wir so lässig sind, als wenn wir schon im Frieden und in voller Sicherheit lebten, da sich noch nicht einmal eine Spur von wahrer Heiligkeit in unserem Wandel zeigt. Wohl wäre es nötig, dass wir noch einmal, wie gute Anfänger, im tugendhaften Leben uns unterweisen ließen, vielleicht dass dann Besserung und ein größerer Fortschritt im Guten zu erhoffen wäre.
 
 

Freitag, 11. Januar 2013

Nachfolge 1, 21


Einundzwanzigstes Kapitel


Von der Zerknirschung des Herzens


  1. Willst du im Guten zunehmen, so erhalte dich in der Furcht Gottes, sei nicht allzu frei, halte alle deine Sinne in Zucht und überlass dich keiner törichten Freude. Überlass dich der Zerknirschung des Herzens, dann wirst du die Andacht finden. Die Herzenszerknirschung gewährt viel Gutes, was die Leichtfertigkeit bald wieder zu verlieren pflegt. Man muss sich wundern, dass sich jemand in diesem Leben einer vollen Freude hingeben kann, wenn er das Elend, in das er verwiesen ist, betrachtet und erwägt, in wie vielen Gefahren seine Seele schwebt.
  2. Der Leichtsinn unseres Herzens und die Unachtsamkeit auf unsere Gebrechen sind schuld, dass wir den krankhaften Zustand unserer Seele nicht empfinden, sondern oft in eitles Gelächter verfallen, wo wir billig weinen sollten. Es gibt keine wahre Freiheit und keine rechte Freude, außer in der Furcht Gottes und in einem guten Gewissen. Glücklich, wer sich von jeder hindernden Zerstreuung losmanchen und in heiliger Zerknirschung sammeln kann. Glücklich, wer sich alles dessen begibt, was sein Gewissen beflecken oder beschweren kann. Kämpfe männlich! Gewohnheit lässt sich nur durch Gewohnheit überwinden. – Lässest du die Menschen gehen, dann werden sie auch dich in deinem Tun unbehindert lassen.
  3. Mische dich nicht in fremde Dinge und verwickle dich nicht in die Angelegenheiten der Großen. Sieh zuerst auf dich, und vor allen, die dir lieb sind, ermahne vorzugsweise dich selbst. Besitzest du nicht die Gunst der Menschen, so werde nicht traurig darüber, sondern lass dir vielmehr das schwer fallen, dass du dich nicht so gut und vorsichtig benimmst, wie es sich für einen Diener Gottes und andächtigen Ordensmann ziemt. Es ist oft nützlicher und sicherer, dass der Mensch in diesem Leben nicht viele Tröstungen, namentlich keine sinnlichen, habe. Daran jedoch, dass wir keine göttlichen Tröstungen haben oder sie so selten empfinden, sind wir selbst schuld, weil wir nicht die Zerknirschung des Herzens suchen und die eitlen und äußerlichen Tröstungen nicht gänzlich von uns weisen.
  4. Erkenne, dass du göttlicher Tröstung unwürdig, vielmehr großer Trübsal würdig bist. Hat der Mensch eine vollkommene Zerknirschung, dann ist ihm die ganze Welt lästig und bitter. Ein frommer Mensch findet stets Ursache genug, zu trauern und zu weinen. Denn er mag sich selbst betrachten, oder über den Nächsten Erwägungen anstellen, so weiß er, dass hinieden niemand ohne Trübsal lebt. Und je genauer er sich selbst betrachtet, desto mehr Reueschmerz wird er empfinden, Grund zu gerechtem Schmerze und innerer Zerknirschung sind unsere Sünden und Laster, worin wir so verstrickt liegen, dass wir nur selten himmlische Dinge zu betrachten vermögen.
  5. Gedächtest du öfter deines Todes als der Länge deines Lebens, dann würdest du ohne Zweifel eifriger auf deine Besserung bedacht sein. Wenn du dir zudem die künftigen Strafen der Hölle oder des Fegfeuers ernstlich zu Gemüte führtest, ich glaube, du würdest dann gerne Mühe und Schmerz erdulden und keine Strenge scheuen. Allein weil uns das nicht zu Herzen geht, und wir immer noch das lieben, was uns schmeichelt, darum bleiben wir so überaus kalt und träge.
  6. Oft ist es Geistesarmut, wenn sich der armselige Leib so leicht beklagt. Bete daher in Demut zum Herrn, dass er dir den Geist der Zerknirschung verleihe, und sprich mit dem Propheten: „Speise mich, o Herr, mit dem Brote der Tränen, und tränke mich mit Zähren in vollem Maße.“ (Ps 79,6).
Quelle

Freitag, 4. Januar 2013

Nachfolge 1, 20

Zwanzigstes Kapitel

Von der Liebe zur Einsamkeit und zum Stillschweigen

  1. Suche dir eine gelegene Zeit, dich mit dir selbst zu beschäftigen, und denke oft an die Wohltaten Gottes. Meide, was bloß die Neugierde befriedigt; lies nur solches, was dir eher Reue bewirkt als Unterhaltung verschafft. Wenn du dich von unnötigen Reden, müßigem Umherschweifen und vom Anhören der Neuigkeiten und Geschwätze zurückhältst, so wirst du hinreichende und gelegene Zeit finden, fromme Betrachtungen anzustellen. Die größten Heiligen vermieden, soviel sie konnten, den  Umgang mit Menschen und zogen es vor, Gott im Stillen zu dienen.
  2. Es hat jemand gesagt: Sooft ich unter Menschen gewesen bin, kam ich als minderer Mensch wieder heim (Seneca, Br. 7). Dies erfahren wir öfter, wenn wir länger plaudern. Es ist leichter, ganz zu schweigen, als im Reden nicht zu weit zu gehen. Es ist leichter, zu Hause verborgen zu leben, als auswärts sich genugsam zu behüten. Wer daher wünscht, zu den inneren und geistlichen Gütern zu gelangen, der muss mit Jesus der Menge ausweichen. Niemand kann mit Sicherheit öffentlich erscheinen, der nicht gerne verborgen lebt. Niemand spricht sicher, der nicht gerne schweigt. Niemand kann mit Sicherheit Vorsteher sein, der sich nicht gerne unterwirft. Niemand befiehlt sicher, der nicht gerne zu gehorsamen gelernt hat.
  3. Niemand kann mit Sicherheit sich erfreuen, er trage denn das Zeugnis eines guten Gewissens in sich. Der Sicherheit der Heiligen wohnte jedoch immer die Furcht Gottes inne. Sie waren darum nicht weniger behutsam und demütig, obwohl sie durch große Tugenden und Gnade hervorragten. Die Sicherheit der Gottlosen aber entspringt aus Hoffart und vermessenem Selbstvertrauen und verkehrt sich am Ende in Selbstbetrug. Versprich dir nie Sicherheit in diesem Leben, und wenn du auch für einen guten Ordensmann und frommen Einsiedler gehalten wirst.
  4. Oft sind jene, welche nach dem Urteile der Menschen die Besseren waren, wegen ihres allzu großen Selbstvertrauens in größere Gefahr geraten. Daher ist es für viele zuträglicher, nicht ganz ohne Versuchungen zu sein, sondern öfter angefochten zu werden, damit sie nicht allzu sicher seien, nicht stolz sich erheben, noch äußeren Tröstungen allzusehr sich zuneigen. O welch ein ruhiges Gewissen würde der behalten, der niemals eine vergängliche Freude suchte und nie mit der Welt sich beschäftigte! O, wer sich von jeder eitlen Sorge lossagte, und an Heilsames und Göttliches dächte und seine ganze Hoffnung auf Gott setzte, - welche Fülle des Friedens und der Ruhe würde er besitzen!
  5. Niemand ist göttlicher Tröstung würdig, der sich nicht fleißig in heiliger Zerknirschung übt. Willst du von ganzem Herzen zerknirscht werden, so gehe in deine Kammer und schließe dich ab von dem Lärm der Welt, wie geschrieben steht: „In euren Kammern sollt ihr zerknirscht werden“ (Ps 4, 5). In der Zelle wirst du finden, was du außerhalb gar oft verlieren wirst. Die Zelle wird angenehm, wenn man darin verbleibt, aber zum Ekel wird sie, wenn man sie nicht gut bewacht. Bewohnst und bewahrst du sie recht gut am Anfange deiner Bekehrung, dann wird sie dir in der Folge eine liebe Freundin und ein sehr angenehmer Trost.
  6. Im Schweigen und in der Stille macht die fromme Seele Fortschritte und lernt die Geheimnisse der Schrift verstehen. Da findet sie Tränenbäche, worin sie sich allnächtlich wäscht und reinigt, damit sie mit ihrem Schöpfer um so vertrauter werde, je weiter entfernt sie lebt vom Getümmel der Welt. Wer also von Bekannten und Freunden sich zurückzieht, dem naht sich Gott mit seinen heiligen Engeln. Besser ist’s, verborgen leben und für sein Heil sorgen, als Wunder wirken, aber sich selbst vernachlässigen. Es ist an einem Ordensmanne löblich, wenn er selten ausgeht, sich nicht gerne sehen lässt und auch andere nicht zu sehen begehrt.
  7. Warum willst du haben, was du nicht haben darfst? „Die Welt vergeht mit ihrer Lust“ (1 Joh 2, 17). Die sinnliche Begierde verlockt dich zum Ausgehen; ist aber die Stunde vorüber, was bringst du anderes nach Hause als ein beschwertes Gewissen und zerstreutes Herz? Ein fröhlicher Ausgang bringt oft eine traurige Heimkehr, und ein fröhlicher Abend einen traurigen Morgen. So schleicht sich jede sinnliche Freude schmeichelnd  ein, aber am Ende sticht und tötet sie. Was magst du anderswo sehen, so du zu Haus nicht siehst? Siehe da Himmel und Erde und alle Elemente, denn daraus ist alles gemacht.
  8. Was kannst du irgendwo sehen, so unter der Sonne lange bestehen wird? Du glaubst vielleicht, gesättigt zu werden; allein dahin wirst du es nicht bringen. Wenn du alle Dinge vor dir sehen könntest, was wäre es als ein vergänglicher Anblick? Erhebe deine Augen zu Gott in der Höhe und bete für deine Sünden und Nachlässigkeiten. Überlass das Eitle den Eitlen, du aber achte auf das, was Gott dir befohlen hat. Schließe die Türe hinter dir und rufe Jesum, deinen Geliebtesten, zu dir. Verweile bei ihm in der Zelle, denn nirgends findest du so viel Frieden. Wärest du nicht ausgegangen und hättest nichts von dem Gerede der Leute vernommen, so möchtest du im lieben Frieden leichter bestanden sein. Seitdem du aber deine Freude manchmal an Neuigkeiten findest, hast du auch deshalb Unruhe des Herzens zu tragen.

Quelle

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Nachfolge 1, 19

Neunzehntes Kapitel


Von den Übungen eines frommen Ordensmannes


  1. Das Leben eines guten Ordensmannes muss mit allen Tugenden geschmückt sein, auf dass er innerlich so sei, wie er äußerlich den Menschen zu sein scheint. Und billig muss er weit mehr in seinem Innern sein, als man äußerlich an ihm sieht; denn Gott sieht in  uns hinein, vor dem wir, wo wir auch seien, die tiefste Ehrfurcht haben, und vor dessen Angesicht wir rein wie die Engel wandeln müssen. Alle Tage sollen wir unsern Vorsatz erneuern, und uns so zum Eifer anspornen, als wenn wir erst heute zur Bekehrung gekommen wären, und beten: „Herr, Gott! Stehe mir bei in meinem guten Vorsatze und in deinem heiligen Dienste, und verleihe mir nun, dass ich heute anfange, auf eine vollkommene Weise zu leben, weil es nichts ist, was ich bisher getan habe.“
  2. Je nach unserem Vorsatze nimmt unser Fortgang im Guten seinen Verlauf, und wer im Guten recht zunehmen will, der muss auch vielen Fleiß anwenden. Wenn aber sogar der, welcher sich fest etwas vornimmt, oft davon ablässt, was wird erst bei jenem geschehen, der nur seltene und schwache Vorsätze fasst? Die Abweichung von unserem Vorsatze erfolgt auf verschiedene Weise, und eine leichte Vernachlässigung unserer Übungen geht kaum ohne einigen Schaden vorbei. Der Vorsatz der Gerechten hängt mehr von der Gnade Gottes als von der eigenen Weisheit ab; auf ihn vertrauen sie immer, was sie auch unternehmen mögen. Denn der Mensch denkt und Gott lenkt; „der Mensch ist nicht Herr seines Weges“ (Jer 10, 23).
  3. Wenn man bisweilen eine gewohnte fromme Übung aus gottseliger Absicht oder mit dem Vorsatze, dem nächsten zu nützen, unterlässt, so wird sie nachher leicht wieder eingebracht werden können. Unterlässt man sie aber aus innerem Überdruss oder Nachlässigkeit und ohne Bedenklichkeit, so ist das sehr sündhaft und man wird den Nachteil davon empfinden. Wir mögen und bemühen, so viel wir können, - wir werden doch in mancherlei Stücken leicht fehlen. Doch müssen wir uns immer etwas bestimmtes vornehmen, und besonders wider das, was uns am meisten hinderlich ist. Wir müssen unser Äußeres und Inneres in gleicher Weise prüfen oder ordnen, weil beides zum Fortschritte im Guten beiträgt.
  4. Kannst du dich nicht fortwährend sammeln, so tue es doch bisweilen und wenigstens einmal am Tage, nämlich morgens oder abends. Am Morgen fasse deine Vorsätze, abends prüfe dein Betragen, wie heute deine Gedanken, Worte und Werke beschaffen waren, weil du darin wider Gott und den Nächsten vielleicht öfter gesündigt hast. Waffne dich, wie es einem Manne geziemt, gegen die Bosheit des Satans; zügle die Gaumenlust, und du wirst jede andere fleischliche Neigung um so leichter bezähmen. Sei niemals ganz müßig, sondern lies, oder schreibe, oder bete, oder betrachte, oder arbeite etwas zum gemeinsamen Wohle. Doch sind körperliche Übungen mit Maß vorzunehmen und nicht allen in der gleichen Weise zuzumuten.
  5. Was keine gemeinsame Übung ist, soll man nicht öffentlich zur Schau stellen; denn die besonderen Übungen nimmt man sicherer im Verborgenen vor. Doch hüte dich, dass du nicht träg zu den gemeinsamen Übungen seiest, aber bereitwilliger zu den eigenen, nur dann, wenn du vollständig und treu erfüllt hast, was du schuldig bist und dir auferlegt wurde, und es bleibt dir noch einige Zeit übrig, überlasse dich dir selbst, wie es deine Andacht dir eingibt. Nicht alle können eine und dieselbe Übung haben; dem einen ist diese, dem andern jene zuträglicher. Auch nach Beschaffenheit der Zeit wählt man verschiedene Übungen, denn einige behagen uns mehr an Festtagen, andere an Werktagen. Andere bedürfen wir zur Zeit der Versuchung, und andere zur Zeit des Friedens und der Ruhe. Andere Gedanken lieben wir, wenn wir traurig, und andere, wenn wir im Herrn fröhlich sind.
  6. An den Hauptfesten müssen wir die frommen Übungen erneuern und die Fürbitte der Heiligen inbrünstiger anrufen. Von Fest zu Fest sollen wir uns vorstellen, als ob wir nun aus dieser Welt wandern und zu dem ewigen Feiertage gelangen würden. Und darum sollen wir uns an diesen Tagen der Andacht sorgfältig vorbereiten, sollen gottesfürchtiger wandeln und jede religiöse Pflicht noch strenger erfüllen, wie wenn wir in kurzer Zeit den Lohn unserer Arbeit von Gott in Empfang nehmen sollten.
  7. Wird die Zeit unseres Hinganges noch hinausgeschoben, so glauben wir nur, dass wir nicht hinreichend vorbereitet und jener so großen Herrlichkeit noch unwürdig seien, die an uns zur vorbestimmten Zeit offenbar werden soll, und trachten wir, dass wir uns auf unser Ende besser vorbereiten. „Selig der Knecht“, sagt der Evangelist Lukas, „den der Herr bei seiner Ankunft wachend findet! Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über alle seine Güter setzen“ (12, 43 - 44).
Quelle

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Nachfolge 1, 18


Achtzehntes Kapitel


Von den Vorbildern der heiligen Väter


  1. Siehe an die lebendigen Vorbilder der heiligen Väter, aus welchen die wahre Vollkommenheit  und Frömmigkeit hervorleuchtete, und du wirst finden, wie unbedeutend, ja beinahe nichts das ist, was wir tun. Ach, was ist unser Leben, wenn man es mit dem ihrigen vergleicht! Die Heiligen und Freunde Christi dienten dem Herrn in Hunger und Durst, in Kälte und Blöße, in Arbeit und Ermüdung, in Wachen und Fasten, in Beten und heiligen Betrachtungen, in vielerlei Verfolgung und Schmach.
  2. O wie viele und schwere Drangsale haben die Apostel, die Martyrer, die Bekenner, die Jungfrauen und alle anderen erduldet, die Christi Fußstapfen nachzufolgen begehrten! Denn sie hassten ihre Seelen in dieser Welt, um sie für das zukünftige Leben zu besitzen. O welch ein Leben der Strenge und Entsagung haben die heiligen Väter in der Wüste geführt! Wie lange und schwer waren die Versuchungen, die sie erlitten! Wie oft wurden sie vom bösen Feinde geplagt! Wie viele und inbrünstige Gebete haben sie Gott dargebracht, welches Strenge Fasten geübt, welch großen und glühenden Eifer nach dem geistlichen Fortschritte getragen, welch tapfern Kampf zur Bezwingung ihrer Fehler geführt, welche reine und gerade Richtung auf Gott bewahrt! Den Tag über arbeiteten sie, die Nacht brachten sie in anhaltendem Gebete zu, obwohl sie auch unter der Arbeit vom innerlichen Gebete keineswegs abließen!
  3. Sie haben alle ihre Zeit nützlich angewendet, und jede Stunde, die zum Verkehr mit Gott bestimmt war, kam ihnen kurz vor. Und über der großen Süßigkeit der Beschauung vergaßen sie sogar das Bedürfnis leiblicher Erfrischung. Sie entsagten allen leiblichen Reichtümern, Würden, Ehrenstellen, Freunden und Verwandten; sie verlangten nichts von der Welt zu haben, nahmen kaum so viel zu sich als zum Leben notwendig ist und ließen es sich schwer fallen, dem Leibe auch nur im Notwendigen zu dienen. Daher waren sie arm an irdischen Gütern, aber überreich an Gnade und Tugenden. Äußerlich litten sie Mangel, aber innerlich wurden sie mit göttlicher Gnade und Tröstung gelabt.
  4. Der Welt waren sie fremd, aber Gott sehr nahe und vertraute Freunde. Sich selbst kamen sie wie nichts – und der Welt verächtlich vor, aber in den Augen Gottes waren sie kostbar und auserkoren. Sie wandelten in wahrer Demut, lebten in der Einfalt des Gehorsams, beharrten in Liebe und Geduld, und daher nahmen sie täglich im Geiste zu und erlangten bei Gott große Gnade. Sie sind allen Ordensleuten zum Vorbilde gegeben, und wir sollen uns mehr durch sie zum Fortschritt im Guten als durch die Menge der Lauen zur Gleichgültigkeit auffordern lassen.
  5. O wie groß war der Eifer aller Ordensleute im Anbeginne ihrer heiligen Stiftung! O welche Andacht im Gebete, welcher Wetteifer in der Tugend, welche strenge Zucht hat damals bestanden! Wie sehr schmückte alle die Ehrerbietung und der Gehorsam unter der Regel ihres Stifters! Annoch bezeugen es die hinterlassenen Fußstapfen, dass sie wahrhaft heilige und vollkommene Männer waren, da sie so heroisch kämpften und die Welt überwanden. Jetzt hält man den schon für groß, der kein Gebot übertritt und der, was er auf sich nahm, mit Geduld ertragen kann.
  6. O der Lauigkeit und Nachlässigkeit in unserem Stande, dass wir so schnell von unserem Eifer ablassen und vor Trägheit und Schläfrigkeit fast des Lebens überdrüssig werden! Möchte in dir das Wachstum in der Tugend nicht gänzlich einschlafen, der du so viele Vorbilder der Gottergebenheit öfter gesehen hast!
 

Samstag, 15. Dezember 2012

Nachfolge 1, 17


Siebzehntes Kapitel


Vom klösterlichen Leben


  1. Wenn du Frieden und Eintracht mit anderen behalten willst, so musst du deinen Willen in vielen Stücken brechen lernen. Es ist nichts Geringes, in Klöstern oder in einer Genossenschaft zu leben, dort ohne Klage verweilen und bis in den Tod getreu ausharren. Selig, wer dort fromm gelebt und glücklich vollendet hat! Wenn du willst schuldigerweise im Guten feststehen und fortschreiten, so halte dich für einen Fremdling und Pilger auf Erden. Du musst ein Tor werden um Christi willen, wenn du ein klösterliches Leben führen willst.
  2. Das Ordenskleid und die Tonsur tragen wenig dazu bei,  aber die sittliche Umwandlung und die gänzliche Ertötung der Leidenschaften – das macht den wahren Ordensmann. Wer etwas anderes sucht als allein Gott und seiner Seele Heil, wird nichts finden, als Trübsal und Schmerz. Auch kann nicht lange den Frieden bewahren, wer sich nicht bestrebt, der Geringste und allen unterworfen zu sein.
  3. Du bist gekommen, um zu dienen, nicht um zu regieren wisse, dass du zum Dulden und Arbeiten, nicht zum Müßiggehen und Plaudern berufen bist. Hier also werden die Menschen geprüft wie das Gold im Feuerofen. Hier kann niemand bestehen, außer wer sich wegen Gott von ganzem Herzen demütigen will.

Samstag, 8. Dezember 2012

Nachfolge 1, 16


Sechzehntes Kapitel


Vom Ertragen fremder Fehler


  1. Was der Mensch an sich oder an anderen nicht zu bessern im Stande ist, das soll er geduldig ertragen, bis es Gott anders fügt. Denke, es sei vielleicht so besser für deine Bewährung und Geduld, ohne welche unsere Verdienste nicht hoch anzuschlagen sind. Du musst jedoch bei solchen Hindernissen demütig bitten, dass sich Gott würdige, dir zu Hilfe zu kommen, damit du sie mit Gelassenheit ertragen mögest.
  2. Hast du jemand ein- oder zweimal ermahnt und er gibt nicht nach,  so streite nicht weiter mit ihm, sondern stelle alles Gott anheim, damit sein Wille geschehe und er in allen seinen Dienern geehrt werde, denn er weiß das Böse zum Guten zu wenden. Bemühe dich, alle Arten Mängel und Schwachheiten anderer mit Geduld zu ertragen, denn auch du has tvieles an dir, was andere ertragen müssen. Wenn du dich selbst nicht zu dem machen kannst, was du gerne sein möchtest, wie wirst du es dahin bringen, dass ein anderer nach deinem Gefallen sich verhalte? Wir haben es gerne, wenn andere vollkommen sind, und doch wollen wir unsere eigenen Fehler nicht verbessern.
  3. Wir wollen, dass andere strenge zurechtgewiesen werden; wir selbst aber wollen nicht zurechtgewiesen sein. Es missfällt uns, dass andere so viel Freiheit haben, und doch wollen wir nicht, dass man uns das versage, um was wir bitten. Wir wünschen, dass andere durch Gesetze eingeschränkt seien; wir selbst aber dulden es durchaus nicht, dass man uns weiter einschränke. Es ist sonach offenbar, wie selten wir dem Nächsten uns gleich achten. Wären alle vollkommen, was hätten wir dann von anderen für Gott zu leiden?
  4. Nun aber hat es Gott so geordnet, dass „einer des andern Last tragen lerne“ (Gal 6, 2); denn niemand ist ohne Fehler, niemand ohne Bürde, keiner ist sich selbst genug, keiner für sich hinlänglich weise, sondern wir müssen einander gegenseitig ertragen, trösten, helfen, belehren, ermahnen. Wie weit aber jeder in der Tugend voran sei, wird am besten offenbar bei Gelegenheit einer Widerwärtigkeit. Denn solche Gelegenheiten machen den Menschen nicht schwach, sondern zeigen, wie er ist.

Samstag, 1. Dezember 2012

Nachfolge 1, 15


Fünfzehntes Kapitel


Von den Werken, die aus Liebe geschehen


  1. Um keinen Preis der Welt und keinem Menschen zuliebe darf mein etwas Böses tun, wohl aber darf man zum Nutzen eines Dürftigen ein gutes Werk freiwillig unterlassen oder auch für ein besseres vertauschen. Denn dadurch wird das gute Werk nicht zerstört, sondern in ein vorzüglicheres verwandelt. Ohne Liebe nützt ein äußerliches gutes Werk nichts; was aber aus Liebe geschieht, wie gering und unansehnlich es auch sei, wird in jeder Beziehung fruchtbar. Denn Gott sieht mehr darauf, warum jemand wirkt, als auf das Werk, das er wirkt.
  2. Viel wirkt, wer viel liebt, und viel tut, wer eine Sache recht tut. Der tut aber eine Sache recht, der mehr der Gesamtheit als seinem eigenen Willen dient. Oft scheint Liebe zu sein, was eher fleischliche Sinnlichkeit ist; denn selten fehlen dabei natürliche Neigung, Eigenwille, Hoffnung auf Wiedervergeltung und Hang zur Bequemlichkeit.
  3. Wer eine wahre und vollkommene Liebe hat, sucht in keiner Sache sich selbst, sondern verlangt, dass allein Gottes Ehre in allen Dingen geschehe. Er beneidet niemanden, weil er keine besondere Freude liebt, auch nicht an sich selbst sich erfreuen will, sondern als das höchste Gut begehrt, in Gott beseligt zu werden. Er schreibt niemandem etwas Gutes zu, sondern bezieht es gänzlich auf Gott, von welchem alles ursprünglich ausgeht, und in welchem endlich alle Heiligen seliglich ruhen. O, wer nur einen kleinen Funken wahrer Liebe hätte, wahrlich, der empfände, dass alles Irdische durch und durch eitel ist!

Samstag, 24. November 2012

Nachfolge 1, 14


Vierzehntes Kapitel


Von Vermeidung freventlicher Urteile


  1. Richte deinen Blick auf dich selbst und hüte dich,  über das zu urteilen, was andere tun. In der Beurteilung anderer bemüht sich der Mensch vergebens, er irrt dabei gar oft und sündigt leicht; wenn er aber sich selbst richtet und erforscht, so tut er stets etwas Nützliches. Nach der Art, wie uns etwas am Herzen liegt, urteilen wir gewöhnlich darüber; denn das richtige Urteil verlieren wir leicht wegen unserer Eigenliebe. Wäre die lautere Absicht unseres Herzens allezeit auf Gott gerichtet, dann würden wir nicht so leicht beunruhigt, wenn unsere Meinung auf Widerstand stößt.
  2. Aber oft liegt etwas in uns verborgen, oder es kommt auch etwas von außen hinzu, das uns ebenso mit sich fortreißt. Viele suchen in ihren Handlungen heimlich sich selbst, ohne dass sie es wissen. Sie scheinen auch in tiefem Frieden zu leben, solange alles nach ihrem Sinn und Willen geht; geht es aber anders, als sie wünschen, so werden sie gleich unruhig und traurig, Wegen Verschiedenheit der Gesinnungen und Meinungen entstehen oft genug Uneinigkeiten zwischen Freunden und Bürgern, zwischen Ordenspersonen und Frommen.
  3. Von einer alten Gewohnheit lässt man schwer, und niemand wird gerne weiter geführt, als er mit seinen eigenen Augen sieht. Wenn du dich mehr auf deine Vernunft oder deinen Fleiß als auf die Jesus Christi unterwürfige Tugend stützest, so wirst du selten und spät ein erleuchteter Mensch werden; denn Gott will, dass wir uns ihm vollkommen unterwerfen und uns durch entflammte Liebe über alle Vernunft erheben.

Samstag, 17. November 2012

Nachfolge 1, 13


Dreizehntes Kapitel


Vom Widerstande gegen die Versuchungen


  1. Solange wir in der Welt leben, können wir nicht ohne Trübsal und Versuchung sein. Darum heißt es auch bei Job (7, 1): „Ein Streit ist des Menschen Leben auf Erden.“ Jeder darf daher in Betreff seiner Versuchungen auf der Hut sein und in häufigem Gebete wachen, damit nicht der Teufel Raum gewinne, ihn zu hintergehen; denn dieser schläft nie, sondern „geht umher und sucht, wen er verschlinge“ (1 Petr 5, 8). Niemand ist so vollkommen und heilig, dass er nicht zuweilen Anfechtungen hätte, und ganz können wir von ihnen nicht frei sein.
  2. Doch sind die Anfechtungen dem Menschen oft sehr nützlich, wenn sie ihm gleich lästig und beschwerlich fallen, weil sie ihn demütigen, reinigen und belehren. Alle Heiligen sind durch viele Versuchungen und Trübsale hindurchgegangen, und das hat sie vollkommener gemacht. Wer aber die Anfechtungen nicht bestehen möchte, ist vom Guten abgefallen und verworfen worden. Kein Stand ist so heilig und kein Ort so abgelegen, wo sich nicht Versuchungen und Widerwärtigkeiten finden.
  3. Solange der Mensch lebt, ist er vor Versuchungen nicht ganz sicher; denn in uns selbst tragen wir den Grund zur Versuchung, da wir in der Begierlichkeit geboren worden sind. Weicht eine Versuchung oder Trübsal, so steht schon wieder eine andere bevor; immer werden wir etwas zu leiden haben, da das Gut unserer Glückseligkeit verloren gegangen ist. Viele suchen den Anfechtungen zu entfliehen und fallen nur um so tiefer in sie hinein. Durch die Flucht  allein können wir nicht siegen; wohl aber werden wir durch Geduld und wahre Demut stärker als alle unsere Feinde.
  4. Wer nur äußerlich ausweicht und nicht die Wurzel ausreißt, wird wenig ausrichten; ja die Versuchungen werden nur um so schneller widerkehren, und er wird um so Schlimmeres erfahren. Nach und nach und durch Geduld und Langmut wirst du mit Gottes Hilfe leichter obsiegen, als mit Hartnäckigkeit und eigenem Ungestüm. Nimm in der Versuchung gern einen guten Rat an und sei nicht hart mit einem Versuchten, sondern sprich ihm Trost ein, wie du selbst in gleichem falle dir wünschen würdest.
  5. Der Anfang aller bösen Versuchungen ist die Unbeständigkeit des Gemütes und das geringe Vertrauen auf Gott. Denn wie ein Schiff ohne Steuerruder von den Wellen hin und her getrieben wird, so wird auch ein nachlässiger Mensch, der seinem Vorsatze untreu ist, von verschiedenen Versuchungen angefochten. Im  Feuer wird das Eisen und in der Versuchung der Gerechte erprobt. Oft wissen wir nicht, was wir vermögen; die Versuchung aber deckt auf, was wir sind. Wachen müssen wir aber vorzüglich am Anfange der Versuchung; denn dann überwindet man den Feind viel leichter, wenn man ihn durchaus nicht durch die Pforte des Herzens eindringen lässt, sondern ihm außerhalb der Schwelle, sobald er anklopft, entgegentritt. Daher sagte jemand:

Wehre im Anfang; zu spät wird das Mittel bereitet,

Hat durch Zögerung schon Stärke das Übel erlangt.

Denn zuerst drängt sich dem Geiste ein bloßer Gedanke auf, dann eine lebhafte Vorstellung, hernach Lust und sündhafte Erregung und – die Einwilligung. Und so schleicht sich der böse Feind allmählich ganz ein, wenn man ihm nicht im Anfange widersteht. Je länger jemand mit dem Widerstande säumt, desto schwächer wird er von Tag zu Tag in seinem Innern, der Feind aber um so mächtiger gegen ihn.

  1. Die einen haben am Anfange, die anderen am Ende ihrer Bekehrung schwerere Versuchungen zu bestehen. Wieder andere haben es fast das ganze Leben hindurch sehr hart. Einige haben, nach der Weisheit und Güte der göttlichen Fügung, ziemlich leichte Versuchungen; denn Gott wägt den Stand und die Verdienste der Menschen ab und ordnet im voraus alles zum Heil seiner Auserwählten.
  2. Darum dürfen wir nicht verzweifeln, wenn wir versucht werden, sondern müssen Gott um so inbrünstiger anflehen, dass er in aller Trübsal uns gnädig zu Hilfe komme, er, der nach dem Ausspruche des Hl. Paulus einen solchen Ausweg für die Versuchung treffen wird, dass wir sie aushalten können (1 Kor 10, 13). Demütigen wir also unsere Seelen in jeder Versuchung und Trübsal unter die Hand Gottes; denn die im Geiste Demütigen wird er retten und erhöhen.
  3. In Versuchungen und Trübsalen wird der Mensch geprüft, wieviel er im Guten zugenommen habe, sein Verdienst vergrößert sich und seine Tugend wird viel mehr offenbar. Es ist nichts Großes, wenn der Mensch da andächtig und eifrig ist, wo er keine Beschwerde empfindet; wenn er sich aber zur Zeit der Widerwärtigkeit geduldig hält, dann lässt sich auf großen Fortgang im Guten hoffen. Einige werden vor großen Versuchungen bewahrt, von täglichen kleinen jedoch oft überwunden, damit sie, gedemütigt, in großen nie zuviel auf sich vertrauen, da sie in so geringen als schwach sich erwiesen haben.

Samstag, 10. November 2012

Nachfolge 1, 12


Zwölftes Kapitel


Vom Nutzen der Trübsal


  1. Es ist gut für uns, wenn wir zuweilen einige Trübsale und Widerwärtigkeiten haben; denn sie bringen den Menschen zu sich selbst zurück und lassen ihn erkennen, dass er hinieden in der Verbannung lebe und seine Hoffnung auf nichts in der Welt setzen dürfe. Gut ist es, dass wir bisweilen Widerspruch erfahren, und dass man Böses und Arges von uns denkt, obgleich unsere Handlungen und Absichten gut sind; denn das befördert oft die Demut und sichert uns gegen eitle Ehrsucht. Gerade da nämlich, wo wir äußerlich von den Menschen gering geachtet werden, und man uns nichts Gutes zutraut, suchen wir eher das innere Zeugnis Gottes.
  2. Darum sollte sich der Mensch dermaßen in Gott befestigen, dass er nicht notwendig hätte, viel Trost bei den Menschen  zu suchen. Wenn ein Mensch, dessen Wille gut ist, geängstigt oder versucht oder von bösen Gedanken geplagt wird, dann sieht er eher ein, wie notwendig ihm Gott ist, und begreift, dass er ohne ihn nichts Gutes vermag. Dann wird er auch traurig, er seufzt und betet wegen des Elendes, das er zu dulden hat. Dann ekelt es ihm, länger zu leben; er wünscht sich den Tod herbei, um aufgelöst zu werden und bei Christo zu sein. Dann erfährt er auch wohl, dass vollkommene Sicherheit und völliger Friede in der Welt nicht bestehen können.

Samstag, 3. November 2012

Nachfolge 1, 11


Elftes Kapitel


Von Erlangung des Friedens und dem Eifer, vollkommen zu werden


  1. Wir könnten viel Frieden haben, wenn wir uns nicht um das bekümmern wollten, wasn andere tun und reden, und was uns nichts angeht. Wie kann derjenige lange im Frieden bestehen, der sich in fremde Angelegenheiten mischt, äußerliche Zerstreuung sucht und sich selten oder nie innerlich sammelt? Selig, die in Einfalt wandeln, sie werden viel Frieden haben!
  2. Warum sind einige Heilige so vollkommen und in der Beschaulichkeit so voran gewesen? Weil sie sich beflissen  haben, alle irdischen Begierden gänzlich zu ertöten, und darum aus ganzem Grunde des Herzens Gott anhangen und ungehindert sich selbst leben konnten. Wir dagegen machen uns mit unseren Leidenschaften viel zu viel zu tun, und bekümmern uns zu sehr um vergängliche Dinge. Selten überwinden wir auch nur ein einziges Laster vollständig, und fühlen uns nicht angefeuert zum täglichen Fortschritt im Guten, sondern bleiben kalt und lau.
  3. Wären wir uns selbst vollkommen abgestorben, und mit dem Herzen nicht in so vielerlei Dinge verstrickt, dann könnten wir an göttlichen Dingen Geschmack finden und von himmlischer Beschaulichkeit etwas erfahren. Das einzige und größte Hindernis davon ist: dass wir nicht frei sind von Leidenschaften und Begierlichkeiten und den Mut nicht haben, mit den Heiligen den Weg der Vollkommenheit zu betreten. Widerfährt uns nur eine geringe Widerwärtigkeit, so sind wir gleich über die Maßen niedergeschlagen und flüchten zu menschlichem Troste.
  4. Bestreben wir uns, gleich tapferen Kriegern, im Kampfe zu bestehen, wahrlich, wir würden über uns des Herrn Hilfe vom Himmel kommen sehen. Denn er selbst ist bereit, denen beizustehen, welche kämpfen und auf seine Gnade hoffen, wie er uns Gelegenheit zum Kampfe verschafft, damit wir siegen. Setzen wir nur in äußerliche Übungen unsern Fortschritt in der Gottseligkeit, so wird unsere Andacht bald ein Ende haben. Lasst uns vielmehr die Axt an die Wurzel setzen, dass wir, von unseren Leidenschaften gereinigt, ein friedliches Gemüt erlangen mögen.
  5. Wenn wir jedes Jahr nur ein einziges Laster ausrotteten, würden wir bald vollkommene Männer sein. So aber erfahren wir oft das Gegenteil und finden, dass wir im Anfange unserer Bekehrung besser und reiner waren, als viele Jahre nach Ablegung der Gelübde. Unser Eifer und Fortgang im Guten sollte täglich wachsen; nun aber wird es schon für etwas Großes angesehen, wenn einer einen Teil seines anfänglichen Eifers bewahren konnte. Würden wir uns im Anfang nur einige Gewalt antun, so könnten wir in der Folge alles mit Leichtigkeit und Freude vollbringen.
  6. Schwer ist es, Gewohntes zu lassen, aber noch schwerer, seinem eigenen Willen sich in den Weg zu stellen. Wenn du aber Kleines und Leichtes nicht besiegst, wie willst du über Schweres den Sieg davontragen? Wiedersetzte dich deinen bösen Neigungen gleich bei ihrem Entstehen und lege die schlimme Gewohnheit ab, damit sie dir nicht nach und nach eine noch schwierigere Lage bereite. O wenn du bedächtest, welchen Frieden du dir und welche Freude anderen durch dein Wohlverhalten bereitetest, ich glaube, du würdest um deinen Fortschritt im geistlichen Leben besorgter sein!
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Samstag, 27. Oktober 2012

Nachfolge 1, 10


Zehntes Kapitel


Von der Vermeidung überflüssiger Reden


  1. Hüte dich, soviel du vermagst, vor dem Getümmel der Menschen; denn sich mit weltlichen Händeln abgeben, hindert sehr im Guten, und wenn man auch eine rechte Absicht dabei hat. Denn schnell befleckt  uns die Eitelkeit und zieht uns in ihre Bande. Ich wollte, ich  hätte öfter geschwiegen und wäre nicht unter den Menschen gewesen. Warum aber reden und schwätzen wir so gerne miteinander, da wir doch selten ohne Verletzung des Gewissens zum Stillschweigen zurückkehren? Darum reden wir so gerne, weil wir im Wechselgespräch gegenseitig Trost suchen und unser Herz erleichtern wollen, das von mancherlei Gedanken ermüdet ist. Auch denken und reden wir gerne über das, was wir sehr lieben und begehren, oder was uns zuwider ist.
  2. Allein leider oft ganz vergeblich und nutzlos; denn dieser äußere Trost bringt dem innern und göttlichen keinen geringen Abbruch. Lasst uns daher wachen und beten, damit die Zeit nicht unbenützt vorübergehe. Ziemt und frommt es dir, zu reden, dann rede, was zur Erbauung dient. Dass wir unsere Zunge nicht bewachen, rührt großenteils von böser Gewohnheit und der Vernachlässigung unseres Fortschrittes im Guten her. Dagegen trägt nicht wenig zum Wachstum im geistlichen Leben eine andächtige Unterredung über geistliche Gegenstände bei, zumal wenn Menschen eines Sinnes und Geistes in Gott sich vereinigen.
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Samstag, 20. Oktober 2012

Nachfolge 1, 9


Neuntes Kapitel


Von dem Gehorsam und der Unterwürfigkeit


  1. Es ist etwas sehr Großes, unter dem Gehorsame zu stehen, unter einem Obern zu leben und nicht sein eigener Herr zu sein. Viel sicherer ist es, zu gehorchen, als  zu gebieten. Viele unterwerfen sich mehr aus Zwang als aus Liebe, daher ist er ihnen oft peinlich und sie murren leicht. Sie werden auch nie die Freiheit des Gemütes erlangen, es sei denn, sie unterwerfen sich von ganzem Herzen um Gottes willen. Gehe hin, wohin du willst: du wirst keine Ruhe finden, außer in der demütigen Unterwerfung unter den Befehl eines Obern. Der Wechsel des Ortes und die Einbildung, dass es anderswo besser sei, hat schon viele getäuscht.
  2. Wahr ist’s, Dass jeder gerne nach seinem eigenen Sine handelt, und zu denen eine größere Neigung hat, die seine Gesinnung teilen. Allein wenn Gott unter uns weilt, dann müssen wir von unserer Meinung bisweilen ablassen um des lieben Friedens willen. Wer ist so weise, dass er alles vollständig wissen kann? Darum vertraue nicht zu viel auf deine eigene Meinung, sondern höre auch gerne die Meinung anderer. Ist deine Meinung gut, und du stehst wegen Gott doch davon ab und folgst einem andern, so wird dir das zu deinem Fortschritt im Guten dienen.
  3. Denn ich habe oft gehört, Rat hören und annehmen sei sicherer als Rat erteilen. Es mag wohl vorkommen, dass eines jeden Meinung gut ist, aber jemand nicht nachgeben wollen, wo Vernunft oder die Natur der Sache es fordert, verrät Stolz und Eigensinn.
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Samstag, 13. Oktober 2012

Nachfolge 1, 8

Achtes Kapitel

Von Vermeidung allzugroßer Vertraulichkeit


  1. „Offenbare dein Herz nicht jedermann“ (Eccli 8, 22), sondern mit einem weisen und gottesfürchtigen Manne berate deine Sache. Gehe selten mit jungen und fremden Leuten um. Schmeichle den Reichen nicht und erscheine nicht gern vor Großen. Geselle dich zu den Demütigen und Einfältigen, zu den Andächtigen und Sittsamen, und besprich mit ihnen das, was zur Erbauung dient. Sei nicht vertraulich mit einem Weibe, sondern empfiehl alle guten Frauen im allgemeinen Gott. Nur mit Gott und seinen Engeln wünsche vertrauten Umgang zu pflegen, und meide das Bekanntsein unter den Menschen.
  2. Liebe muss man zu allen haben, aber Vertraulichkeit frommt nicht. Es geschieht bisweilen, dass eine unbekannte Person durch guten Ruf in hellem Lichte glänzt; zeigt sie sich aber, so erbleicht jener Glanz vor den Augen derer, die sie beobachten. Wir meinen bisweilen, anderen zu gefallen, wenn wir in näheren Verkehr mit ihnen treten, fangen aber vielmehr an, ihnen zu missfallen wegen des unsittlichen Wesens, das sie an uns bemerken.

Samstag, 6. Oktober 2012

Nachfolge 1, 7

Siebentes Kapitel

Von der Vermeidung eitler Hoffnung und Selbstüberhebung


  1. Ein eitler Tor ist, wer seine Hoffnung auf Menschen oder andere Geschöpfe setzt. Schäme dich nicht, aus Liebe zu Jesu Christo anderen zu dienen und in dieser Welt für arm gehalten zu werden. Stütze dich nicht auf dich selbst, sondern gründe deine Hoffnung auf Gott. Tue, was an dir ist, und Gott wird deinen guten Willen unterstützen. Verlass dich nicht auf deine Wissenschaft, noch auf den schlauen Sinn irgend eines Menschen, sondern vielmehr auf die Gnade Gottes, der den Demütigen hilft, jene aber demütigt, die stolz auf sich selbst vertrauen.
  2. Rühme dich nicht der Reichtümer, wenn du welche hast, noch der Freunde, die da mächtig sind, sondern rühme dich in Gott, der alles gibt und überdies sich selbst zu geben verlangt. Erhebe dich nicht wegen der Größe und Schönheit des Leibes, denn eine kleine Krankheit vernichtet oder verunstaltet sie. Habe kein Gefallen an dir selbst wegen deiner Geschicklichkeit oder deines Verstandes, damit du nicht Gott missfallest, dem alles gehört, was du von Natur aus Gutes an dir hast.
  3. Halte dich nicht für besser als andere, damit du nicht etwa vor Gott als schlechter erscheinest, der da weiß, was in dem Menschen ist. Sei nicht stolz auf deine guten Werke, denn die Urteile Gottes sind anders als die Urteile der Menschen; ihm missfällt oft, was den Menschen gefällt. Hast du etwas Gutes an dir, so denke doch noch besser von anderen, damit du dir die Demut bewahrest. Es schadet nichts, wenn du dich allen nachsetzest; aber sehr viel schadet es, wenn du dich auch nur einem einzigen vorsetzest. Der Demütige genießt beständigen Frieden, in dem Herzen des Hoffärtigen aber ist häufig Eifersucht und Erbitterung.

Samstag, 29. September 2012

Nachfolge 1, 6


Sechstes Kapitel


Von den ungeordneten Neigungen


  1. So oft der Mensch ein unordentliches Verlangen hat, wird er sogleich in seinem Innern beunruhigt. Der Hochmütige und Geizige haben niemals Ruhe; wer aber arm im Geiste und demütig ist, der wandelt in der Fülle des Friedens. Der Mensch, der sich selbst nicht völlig abgestorben ist, fällt schnell in Versuchung und wird von geringen, unbedeutenden Dingen überwunden. Wer schwach am Geiste und gewissermaßen noch fleischlich und zum Sinnlichen geneigt ist, dann sich nur schwer von irdischen Begierden gänzlich losreißen. Und darum befällt ihn oft Traurigkeit, wenn er sich ihnen wirklich entwindet, und er wird gern ungehalten, wenn sich ihm jemand widersetzt.
  2. Hat er aber erlangt, was er begehrt, so drückt ihn alsbald die Schuld des Gewissens, weil er seiner Leidenschaft folgte, die zu dem Frieden, den er gesucht hat, nicht verhilft. Also durch Widerstand, nicht durch Nachgiebigkeit gegen die Leidenschaften findet man den wahren Frieden des Herzens. Darum ist kein Friede in dem Herzen eines fleischlichen, noch in dem Herzen eines äußerlichen Dingen ergebenen, wohl aber in dem Herzen eines eifrigen und geistig gesinnten Menschen.
Quelle