Samstag, 20. Oktober 2012

Nachfolge 1, 9


Neuntes Kapitel


Von dem Gehorsam und der Unterwürfigkeit


  1. Es ist etwas sehr Großes, unter dem Gehorsame zu stehen, unter einem Obern zu leben und nicht sein eigener Herr zu sein. Viel sicherer ist es, zu gehorchen, als  zu gebieten. Viele unterwerfen sich mehr aus Zwang als aus Liebe, daher ist er ihnen oft peinlich und sie murren leicht. Sie werden auch nie die Freiheit des Gemütes erlangen, es sei denn, sie unterwerfen sich von ganzem Herzen um Gottes willen. Gehe hin, wohin du willst: du wirst keine Ruhe finden, außer in der demütigen Unterwerfung unter den Befehl eines Obern. Der Wechsel des Ortes und die Einbildung, dass es anderswo besser sei, hat schon viele getäuscht.
  2. Wahr ist’s, Dass jeder gerne nach seinem eigenen Sine handelt, und zu denen eine größere Neigung hat, die seine Gesinnung teilen. Allein wenn Gott unter uns weilt, dann müssen wir von unserer Meinung bisweilen ablassen um des lieben Friedens willen. Wer ist so weise, dass er alles vollständig wissen kann? Darum vertraue nicht zu viel auf deine eigene Meinung, sondern höre auch gerne die Meinung anderer. Ist deine Meinung gut, und du stehst wegen Gott doch davon ab und folgst einem andern, so wird dir das zu deinem Fortschritt im Guten dienen.
  3. Denn ich habe oft gehört, Rat hören und annehmen sei sicherer als Rat erteilen. Es mag wohl vorkommen, dass eines jeden Meinung gut ist, aber jemand nicht nachgeben wollen, wo Vernunft oder die Natur der Sache es fordert, verrät Stolz und Eigensinn.
Quelle

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