Nachfolge 1,3
Drittes Kapitel
Von der Lehre der Wahrheit
- Glücklich derjenige, den
die Wahrheit durch sich selbst, nicht durch vergänglich Bilder und Worte
lehrt, sondern so, wie sie ist. Unser Meinen und Sinnen trügt uns oft und
ist gar kurzsichtig. Was nützt es, über dunkle und verborgene Dinge, deren
Unkenntnis uns im Gerichte nicht einmal zum Vorwurfe gemacht wird, viel
nachzugrübeln? Große Torheit ist es, dass wir nützliche und notwendige
Dinge vernachlässigen, und mit Wissen und Willen seltsamen und
verwerflichen Dingen unsere Aufmerksamkeit widmen. Wir haben Augen und sehen nicht (Ps. 113, 13).
- Und warum bekümmern wir
uns um der Dinge Gattung und Art? Zu wem das ewige Wort redet, der wird vielen Meinungen enthoben. Aus Einem Worte sind alle Dinge, und von
diesem Einen reden sie alle, und
dieses ist der Anfang, der auch zu uns redet (Joh 8, 25). Ohne dasselbe hat
niemand rechte Einsicht oder richtiges Urteil. Wer in diesem Einen alles findet, und alles auf
dieses Eine bezieht, und alles in diesem Einen sieht, der kann fest im
Herzen und friedvoll in Gott verharren. O Wahrheit – Gott! Mache mich eins
mit dir in ewiger Liebe. Oft ekelt mich, vielerlei zu lesen und zu hören;
denn in dir ist alles, was ich will und wonach ich mich sehne. Es schweige
jeder Lehrer, es verstumme jedes Geschöpf vor deinem Antlitze; du allein
rede zu mir.
- Je mehr jemand eins mit
sich und innerlich voll Einfalt ist, desto mehr und höhtere Dinge versteht
er ohne Mühe, weil er das Licht der Erkenntnis von oben erhält. Ein
lauterer, einfältiger und ruhiger Geist wird auch bei vielen Geschäften
nicht zerstreut, weil er alles zu Gottes Ehre tut und innerlich von aller
Eigenliebe frei zu werden sucht. Was hindert und belästigt dich mehr als
die unabgetötete Neigung deines Herzens? Ein guter und gottesfürchtiger
Mensch ordnet die Werke, welche er äußerlich tun soll, zuerst in seinem
Innern. Sie ziehen ihn auch nicht dahin, wohin die sündliche Neigung ihn
ziehen will; vielmehr lenkt er sie nach dem Urteile der gesunden Vernunft.
Wer hat einen schwerern Kampf, als der sich selbst zu überwinden strebt?
Und das sollte unser Geschäft sein, uns selbst zu besiegen, täglich mehr
Stärke über uns zu gewinnen und im Bessern etwas zuzunehmen.
- Aller Vollkommenheit in
diesem Leben haftet einige Unvollkommenheit an, und all unser Forschen ist
nicht frei von Dunkelheit. Demütige Erkenntnis deiner selbst ist ein
sichererer Weg zu Gott als tiefsinniges Forschen in der Wissenschaft. Zwar
darf man das gelehrte Wissen oder jedes einfache Erkennen der Dinge nicht
tadeln, denn an sich betrachtet ist es gut und von Gott geordnet; allein
ein gutes Gewissen und ein tugendhaftes Leben verdient immer den Vorzug.
Weil sich aber gar viele mehr des Wissens als eines frommen Lebens
befleißigen, so irren sie oft und bringen fast keine oder nur geringe
Frucht.
- O wenn sie so viel Fleiß
darauf verwendeten, die Laster auszurotten und die Tugenden zu pflanzen, als
gelehrte Streitfragen aufzuwerfen, dann würde nicht so viel Unheil und
Ärgernis unter dem Volke, nicht so viel Ausgelassenheit in den Klöstern
vorkommen. Fürwahr, am Tage des Gerichtes wird man uns nicht fragen, was
wir gelesen, sondern was wir getan, - noch wie schön wir gesprochen,
sondern wie religiös wir gelebt haben. Sag mir doch, wo sind jetzt jene
Herren und Lehrmeister, die du wohl gekannt hast, als sie noch lebten und
durch ihre Gelehrtheit glänzten? Schon besitzen andere ihre Stellen, und
ich weiß nicht, ob diese ihrer noch gedenken. In ihrem Leben schienen sie
etwas zu sein, jetzt aber redet man nicht mehr von ihnen.
- O wie schnell vergeht die
Herrlichkeit der Welt! Dass doch ihr Leben mit ihrer Wissenschaft
übereingestimmt habe, dann wäre ihr Studieren und Lesen gut gewesen! Wie
viele gehen in der Welt durch eitles Wissen zu Grunde, weil sie sich dabei
wenig angelegen sein lassen, Gott zu dienen! Und weil sie lieber groß als
demütig sein wollen, so werden sie zu nichte in ihren eigenen Gedanken
(Röm 1, 21). Wahrlich groß ist, wer eine große Liebe hat. Wahrhaft groß
ist, wer vor sich selbst klein erscheint und die höchste Ehre für nichts
hält. Wahrlich weise ist, wer alles Irdische für Unrat hält, damit er
Christum gewinne (Philipp 3, 8). Und wahrhaft gelehrt ist, wer den Willen
Gottes tut und den eigenen Willen verleugnet.
Quelle
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