Dienstag, 11. September 2012

Nachfolge 1,3


Drittes Kapitel


Von der Lehre der Wahrheit


  1. Glücklich derjenige, den die Wahrheit durch sich selbst, nicht durch vergänglich Bilder und Worte lehrt, sondern so, wie sie ist. Unser Meinen und Sinnen trügt uns oft und ist gar kurzsichtig. Was nützt es, über dunkle und verborgene Dinge, deren Unkenntnis uns im Gerichte nicht einmal zum Vorwurfe gemacht wird, viel nachzugrübeln? Große Torheit ist es, dass wir nützliche und notwendige Dinge vernachlässigen, und mit Wissen und Willen seltsamen und verwerflichen Dingen unsere Aufmerksamkeit widmen. Wir haben Augen und sehen nicht (Ps. 113, 13).
  2. Und warum bekümmern wir uns um der Dinge Gattung und Art? Zu wem das ewige Wort redet, der wird vielen Meinungen enthoben. Aus Einem Worte sind alle Dinge, und von diesem Einen reden sie alle, und dieses ist der Anfang, der auch zu uns redet (Joh 8, 25). Ohne dasselbe hat niemand rechte Einsicht oder richtiges Urteil. Wer in diesem Einen alles findet, und alles auf dieses Eine bezieht, und alles in diesem Einen sieht, der kann fest im Herzen und friedvoll in Gott verharren. O Wahrheit – Gott! Mache mich eins mit dir in ewiger Liebe. Oft ekelt mich, vielerlei zu lesen und zu hören; denn in dir ist alles, was ich will und wonach ich mich sehne. Es schweige jeder Lehrer, es verstumme jedes Geschöpf vor deinem Antlitze; du allein rede zu mir.
  3. Je mehr jemand eins mit sich und innerlich voll Einfalt ist, desto mehr und höhtere Dinge versteht er ohne Mühe, weil er das Licht der Erkenntnis von oben erhält. Ein lauterer, einfältiger und ruhiger Geist wird auch bei vielen Geschäften nicht zerstreut, weil er alles zu Gottes Ehre tut und innerlich von aller Eigenliebe frei zu werden sucht. Was hindert und belästigt dich mehr als die unabgetötete Neigung deines Herzens? Ein guter und gottesfürchtiger Mensch ordnet die Werke, welche er äußerlich tun soll, zuerst in seinem Innern. Sie ziehen ihn auch nicht dahin, wohin die sündliche Neigung ihn ziehen will; vielmehr lenkt er sie nach dem Urteile der gesunden Vernunft. Wer hat einen schwerern Kampf, als der sich selbst zu überwinden strebt? Und das sollte unser Geschäft sein, uns selbst zu besiegen, täglich mehr Stärke über uns zu gewinnen und im Bessern etwas zuzunehmen.
  4. Aller Vollkommenheit in diesem Leben haftet einige Unvollkommenheit an, und all unser Forschen ist nicht frei von Dunkelheit. Demütige Erkenntnis deiner selbst ist ein sichererer Weg zu Gott als tiefsinniges Forschen in der Wissenschaft. Zwar darf man das gelehrte Wissen oder jedes einfache Erkennen der Dinge nicht tadeln, denn an sich betrachtet ist es gut und von Gott geordnet; allein ein gutes Gewissen und ein tugendhaftes Leben verdient immer den Vorzug. Weil sich aber gar viele mehr des Wissens als eines frommen Lebens befleißigen, so irren sie oft und bringen fast keine oder nur geringe Frucht.
  5. O wenn sie so viel Fleiß darauf verwendeten, die Laster auszurotten und die Tugenden zu pflanzen, als gelehrte Streitfragen aufzuwerfen, dann würde nicht so viel Unheil und Ärgernis unter dem Volke, nicht so viel Ausgelassenheit in den Klöstern vorkommen. Fürwahr, am Tage des Gerichtes wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan, - noch wie schön wir gesprochen, sondern wie religiös wir gelebt haben. Sag mir doch, wo sind jetzt jene Herren und Lehrmeister, die du wohl gekannt hast, als sie noch lebten und durch ihre Gelehrtheit glänzten? Schon besitzen andere ihre Stellen, und ich weiß nicht, ob diese ihrer noch gedenken. In ihrem Leben schienen sie etwas zu sein, jetzt aber redet man nicht mehr von ihnen.
  6. O wie schnell vergeht die Herrlichkeit der Welt! Dass doch ihr Leben mit ihrer Wissenschaft übereingestimmt habe, dann wäre ihr Studieren und Lesen gut gewesen! Wie viele gehen in der Welt durch eitles Wissen zu Grunde, weil sie sich dabei wenig angelegen sein lassen, Gott zu dienen! Und weil sie lieber groß als demütig sein wollen, so werden sie zu nichte in ihren eigenen Gedanken (Röm 1, 21). Wahrlich groß ist, wer eine große Liebe hat. Wahrhaft groß ist, wer vor sich selbst klein erscheint und die höchste Ehre für nichts hält. Wahrlich weise ist, wer alles Irdische für Unrat hält, damit er Christum gewinne (Philipp 3, 8). Und wahrhaft gelehrt ist, wer den Willen Gottes tut und den eigenen Willen verleugnet.
Quelle

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